Es wäre obszön, wenn die große Debatte um das Berliner Holocaust-Mahnmal in den Niederungen des Berliner Koalitionsstreits enden würde - gewissermaßen an Stelle des üblichen Kleinkrieges um die freie Durchfahrt durchs Brandenburger Tor. Die Verantwortlichen stehen in der Pflicht, das Mahnmal vor diesem Mahnmalstreit zu retten. Debatten, die nicht aufhören können, entstellen nur noch. Es gilt, zu Ende zu bringen, was an einem überzeugenden Ende steht. Unverantwortlich ist es, mit Gerhard Schröder nach einer "gründlichen" Diskussion zu rufen. Die Mahnmaldebatten mit ihren drei großen Kolloquien gehörten zu den wichtigsten intellektuellen Ereignissen der letzten Jahre, bedeutender als der Historikerstreit. Der endete in der Blockade zwischen politischer Korrektheit und Geschichtsrevisionismus. Der Mahnmalstreit hingegen sprengte das Links-rechts-Schema. Widerspruchsvoll sind die Lager des Für und Wider: Da stehen Kohl, die Grünen und die PDS gegen - wie Ignatz Bubis hervorhob - "Schröder, Frey und Diepgen".

Das Votum der Auslober steht: Die Bundesregierung mit Helmut Kohl und die Initiativgruppe um Lea Rosh haben ihre Zustimmung signalisiert. Auch mit einer Mehrheit des Berliner Senats wird gerechnet. Als Problem bleibt nur noch: Darf der Regierende Bürgermeister Diepgen, der mit merkwürdiger Intransigenz obstruiert, in einer Kampfabstimmung überstimmt werden? Hat also Kohl den richtigen Zeitpunkt verpaßt? Er hielt dem Projekt, das ihm keine Wählerstimme einbringen wird, die Treue, allerdings ohne zu forcieren. Hätte er das tun sollen, wenn die ganze intellektuelle Szene auf das "Machtwort des Kanzlers" lauert, um sich zu empören?

Eine tiefe Fragwürdigkeit gehört zum Projekt selbst. Es bleibt eine hochriskante und weltweit einzigartige Ambition: die Selbstdarstellung der Berliner Republik mit der Erinnerung an die deutsche Schande zu verbinden.

Kann es ein künstlerisches Maß für die Maßlosigkeit des Mordens geben? All das drückt Peter Eisenmans Entwurf aus, wenn man ihn denn lesen will. Es stellt dar, was die Nachkriegsgenerationen umtrieb. Es ist ein Vermächtnis der Bonner Republik, auch der Wendung von der Schlußstrich-Inszenierung in Bitburg bis zum Festhalten am Anspruch der Erinnerung. Verschiebung, was hieße das? Kassation unter dem Beifall von Gerhard Frey? Wiederholung der Debatte, bis Eisenman seinen Entwurf zurückzieht? Es geht darum, ein Maß zu finden und wie Erwachsene zu handeln: nämlich jetzt zu entscheiden!