Verglichen mit den Rechtfertigungsschriften seiner Genossen Hager, Honecker, Krenz, Mittag oder Wolf, ist Hans Modrows Autobiographie geradezu erholsam. Es ist jedenfalls mehr als die dünne, säuerliche Memoirensauce, derzufolge das Projekt DDR gut gemeint war, aber leider ein wenig auf den Sand gelaufen ist, der reichlich aus ihrem Getriebe floß, wofür niemand etwas konnte.

Modrow war SED-Chef in Dresden bis zur Wende, dann für eine kurze Zeit, von November 1989 bis März 1990, der letzte nicht frei gewählte Ministerpräsident der DDR. Heute ist der Siebzigjährige Ehrenvorsitzender der PDS.

Sein Buch kann zwar nicht als verläßliche Quelle über die DDR und deren Ende gelten dazu ist es zu widersprüchlich. Doch es ist - ungewollt vermutlich - das aufschlußreiche Psychogramm eines Mannes, der dem kläglichen Scheitern seiner Lebensinhalte einigermaßen ratlos hinterherschaut.

Dabei nähert sich Modrow allen bitteren Wahrheiten und schreckt dann doch vor dem letzten Schritt der Erkenntnis zurück. "Immer wieder blieben die Gedanken hängen" bei seinem Nachsinnen über den Prager Frühling 1968. "Wo geht die politische Öffnung wirklich über in leichtfertig riskierten Machtverlust?"

Wobei Macht ja auch die "Bewahrung einer gesellschaftlichen Qualität" bedeute. Aber welche Qualität hat eine Gesellschaft ohne politische Öffnung?

Über die willkürlichen Festnahmen und Mißhandlungen in Dresden im Oktober 1989 berichtet Modrow nur mittelbar, durch Zitate aus den Schilderungen Betroffener. Er nennt sie "Dokumente aus jenem Raum und jener Zeit, über denen meine politische Verantwortung lag".

Hatte er also Verantwortung, oder lag sie nur irgendwie darüber? Diese Festnahmen hießen im DDR-Deutsch "Zuführung". Modrow: "Ein Wort aus jenem Herbst, das schmerzt." Das war kein Wort aus jenem Herbst, sondern Alltag für alle Andersdenkenden oder auch nur anders Aussehenden.