London

Das Massaker von Omagh, bei dem 28 Menschen starben und über 200 zum Teil grauenvoll verstümmelt wurden, signalisiert eine Zäsur. Auch Nordirland steht vor einer neuen, erschreckenden Phase des Terrorismus. Parallelen drängen sich auf zu den Bombenanschlägen auf die amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania. Menschenverachtender Nihilismus ersetzt Aktionen von Untergrundarmeen, deren Gewaltakte, obgleich verabscheuungswürdig, zumindest ein Element politischer Berechenbarkeit erkennen ließen.

Gewiß sind Massenmorde in der nordirischen Provinz nichts Unbekanntes. Doch in den vergangenen zwanzig Jahren dominierte dort kalkulierter, dosierter Terror, den gerade die IRA perfekt zu inszenieren wußte. Ihre Terrorzellen haben niemals den Auftrag erhalten, während der Rush-hour in der Londoner U-Bahn einen Sprengsatz zu zünden. Die Anschläge der irischen Untergrundarmee sollten ökonomischen Schaden anrichten, Angst verbreiten und der britischen Regierung zeigen, daß man nicht zu besiegen ist.

Der klassische Terrorist will viele Zuschauer, aber nur wenige Opfer. Er will die Welt verändern, wie fragwürdig seine Rechtfertigung auch erscheinen mag.

Der "neue" Terrorismus hingegen, wie er sich von Omagh bis Nairobi manifestierte, will die Welt strafen. Zerstörung und Massenmord werden zum Ziel an sich. "Amorphe religiöse und politische Visionen, von Endzeitstimmung überlagert" - so zeichnet Bruce Hoffman, ein amerikanischer Spezialist für politische Gewalt, die Charakteristika dieses Terrorismus, in dem auch die Handschrift des europäischen Faschismus wiederzuerkennen sei.

Demokratische Staaten dürfen solch bestialische Aktionen nicht tatenlos hinnehmen. Sie haben die Pflicht, die zivile Gesellschaft gegen Politgangster und Fundamentalisten zu verteidigen. Aber sie müssen zugleich darauf achten, daß die zivile Gesellschaft und rechtsstaatliche Prinzipien nicht Schaden nehmen. Das ist leichter gesagt als getan. Die Gefahr besteht, daß staatliche Instanzen der Versuchung erliegen, ihre Gegner mit deren eigenen Methoden zu schlagen. In Amerika wird jetzt diskutiert, welche Rolle die Vergeltung von Staats wegen im Kampf gegen den Terrorismus spielen soll. Man will dem Eindruck entgegenwirken, daß die Weltmacht verwundbar sei und keine Antwort wisse auf blutrünstige Anschläge. Martin van Crefeld, ein israelischer Experte für die "Kriege der Zukunft", warnt allerdings: "Wenn man Terroristen bekämpft, wird man selbst zum Terrorist." Wahrscheinlich ist seine Bemerkung nicht zuletzt auf den Mossad, den israelischen Geheimdienst, gemünzt.

Auch in Europa waren und sind Regierungen anfällig für einen Racheterror im Namen des Staates. In den achtziger Jahren praktizierten britische Antiterroreinheiten im Kampf gegen die IRA gelegentlich eine "shoot to kill policy" - sie war nicht offiziell gedeckt, scheint aber stillschweigend geduldet worden zu sein. Minister der sozialistischen Regierung in Spanien erlagen offenkundig der Versuchung, den Eta-Terroristen mit gleicher Münze heimzuzahlen. Inzwischen ist der politische Konsensus, der dies lange hinnahm, zerbrochen