die zeit: Rußland ist in eine dramatische Finanzkrise geschlittert. Sehen Sie als künftiger Chef der Osteuropabank einen Ausweg?

Horst Köhler: Es gibt Lösungswege. Das wichtigste ist, daß sich die politischen Kräfte in Rußland zusammentun, um eine berechenbare Politik zu organisieren. Dann hat Rußland mit seinem technologischen Knowhow, mit seinen gutausgebildeten Arbeitskräften und mit seinen reichen Rohstoffvorkommen gute Zukunftsperspektiven.

zeit: Aber bisher war Rußland nicht imstande, seine Probleme zu lösen.

Köhler: Es gibt Ansätze und auch Fortschritte, aber es fehlt an der notwendigen Konsequenz. Auch der Westen hat jedoch zu lange geglaubt, mit Finanzspritzen Strukturprobleme überdecken zu können. Dazu gehört übrigens auch, daß der Westen seine Märkte nicht entschlossen genug öffnet. Der Kern des Problems liegt aber eindeutig in Rußland selbst. Es hat nicht die nötigen Institutionen aufgebaut, und Regierung und Parlament blockieren sich gegenseitig.

zeit: Damit sagen Sie, daß es ohne politischen Druck auf Rußland keine Lösung gibt.

Köhler: Druck von außen hat Grenzen. Das Land muß seinen Weg selber definieren. Es muß vor allem das Vertrauensproblem lösen. Dann werden auch wieder Direktinvestitionen nach Rußland fließen. Die Finanzmärkte wissen, daß ein Kollabieren Rußlands niemandem helfen würde. Mittel- und langfristig sind die Investitionschancen unverändert günstig. Die Krise muß von Rußland selbst bewältigt werden. Die Möglichkeiten von außen sind erschöpft.

zeit: Werden nicht zwangsläufig andere Länder in Mittel- und Osteuropa in den Krisenstrudel gezogen?