Die Szene charakterisiert sich durch ihren Titel: "Vision". Wie ungezählte Logoi vor ihr versucht sie, eine der mythischen Urfragen des Menschen zu beantworten: Woher stammt das Böse? Michael, einer der "Gottessöhne", gibt seine Antwort: Luzifer, der "Lichtträger" des Kosmos, verachtet die Menschenwelt, will deren Fortschritt hemmen - und so stiftet er Unruhe, Unfrieden, Unheil. "Seit der Zeit kämpfen die Söhne des Lichtes gegen die Söhne der Finsternis." Michael aber steht auf der Seite der Menschen, wurde selber einer von ihnen: "Mensch geworden bin ich, / um mich und GOTT den Vater / als menschliche Vision zu sehn, / um Himmelsmusik den Menschen / und Menschenmusik den Himmlischen zu bringen, / auf daß der Mensch GOTT lausche / und GOTT seine Kinder erhöre." - "Vision" bietet primär den Schluß der Oper "Donnerstag aus LICHT" es entfaltet aber auch das künstlerische Selbstverständnis des Komponisten Karlheinz Stockhausen, der am 22. August siebzig Jahre alt wird.

Woher kennt ein Künstler das, was er aufschreiben soll? Was sieht er, um es weiterzugeben? Die Aufklärung entdeckte uns die elliptische Spannung in der ars inveniendi, im künstlerischen Schaffensprozeß, zwischen "Nachahmung" (nämlich der Natur) und "Ordnung" stiftender Kraft der Vernunft, lehrte uns die Unterschiede zwischen dem Finden von Realem, aber nicht Gegenwärtigem (phantasmata), frei Erdichtetem (figmenta) und der Sehergabe (divinatio), lieferte aber auch die Ansätze zu einer Ästhetik des autonomen Genies. Das fordert seit dem vorigen Jahrhundert von der Gesellschaft einen der Begnadung und dem Charisma geschuldeten Obolus.

Auch Karlheinz Stockhausen konnte (und kann immer noch, wenn es sein muß) diesen auftrumpfenden Gestus dessen vorzeigen, der sich im Besitz der divinatio weiß. Aber die 68er-Komponisten, die Stockhausen "Imperialismus" als "höchstes Stadium des kapitalistischen Avantgardismus" vorwarfen und deren Spätsprößlingen der Schaum sich emanzipatorisch wähnender ideologischer Gesellschaftskritik noch heute vor dem Mund steht, übersahen in ihrem eigenen usurpatorischen Wüten jene zwar mit Verve, Dringlichkeit und Eigensinn, aber auch mit Toleranz vorgetragene, letztlich eher demütig vertretene Liberalität des "Laßt mich in Ruhe und Frieden meine Musik schreibe n - aber führt sie wenigstens auf!"

Woher also kennt Stockhausen, was er niederschreibt? Im Libretto eines seiner jüngsten Werke, der "Litanei 97", singt der Chor im ersten Block: "Ich habe es seit vielen Jahren unzählige Male / gesagt und manchmal geschrieben: Daß / ich nicht MEINE Musik mache, sondern / die Schwingungen übertrage, die ich auffange / ... / Wenn ich richtig, / in der richtigen Verfassung komponierte, / existierte ich SELBST nicht mehr." Und im fünften Block, noch eindeutiger: "Nun kommt der schwere Sprung, / nicht von Menschen gemachte Signale, / Musik, Getön zu übertragen, / sondern die Schwingungen, die aus einem höheren, / unmittelbar wirkenden Bereich kommen / nicht höher über uns, ausserhalb von uns, / sondern höher IN UNS UND AUS-SERHALB."

Von Anbeginn an war die "Himmelsmusik", wie Karlheinz Stockhausen sie uns in eigenen Kompositionen brachte oder durch Analysen des tradierten Repertoires aufhellte, vorrangig rational orientiert. Und noch in jeder Partitur-Analyse seiner jüngsten "LICHT"-Opern wird die rigorose "Durchgeordnetheit" der "Formel"-Komposition erkennbar, die längst alle weiland serielle Zwanghaftigkeit oder ähnliche Fesseln abgeworfen hat.

Freilich: Schon im Januar 1966 setzte sich in schlaflosen Tokioter Nächten in Hirn und Herz auch die andere Tendenz der ars inveniendi fest, die gehörte, gesehene, erlebte Fremde emotional reflektiert und, das simple Konzept der Collage schnell überschreitend, zu einer "Universalität von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, von weit voneinander entfernten Ländern und ,Räumen'" findet ("Telemusik", "Hymnen"). Über eine "intuitive" Musik, in der "alles musikalische Denken" einem "Überrationalen" dient, über ausgedehnte Erkundungs- und Erlebnisgänge in physische wie metaphysische Innenwelten, adorative Introversion und interstellare Zusammenhänge nimmt schließlich im Frühjahr 1977 ein Mammut-Projekt erste Formen an: "LICHT - Die sieben Tage der Woche", eine Opern-Heptalogie, zu der formal in einer den bekanntlich klügeren Kindern dieser Welt abgeluchsten Technik die autonome Musik in marktfähig en Abschnitten fertig wird, deren eigentliche Botschaft aber und das theatralische Gewand schon in einer allen Teilen zugrunde liegenden "Formel" verborgen sind wie die Wachstumsinformationen in einem Gen.

Einem zweiten Credo Karlheinz Stockhausens zufolge steht für ihn über aller Verpflichtung zur musikalischen Ordnung als oberstes Prinzip die "Freiheit", von Zwängen und Regeln sowohl wie von Ideologie. Wobei wir ihm (wie jedem anderen, uns selber eingeschlossen) konzedieren wollen und müssen, daß Glaube und Ideologie viel, aber in entscheidenden Momenten nichts miteinander zu tun haben.