Julien Green ist Weltliteratur. Seine Bücher, Romane, Erzählungen, Theaterstücke, Tagebücher und Autobiographie gehören zu den bedeutendsten Werken des 20. Jahrhunderts. Walter Benjamin, Siegfried Krakauer, François Mauriac haben ihm beeindruckende Essays gewidmet. Die Romane "Mont-Cinère", "Adrienne Mesurat" und "Leviathan", geschrieben 1926, 1927 und 1929 haben alle Chancen, vor der Ewigkeit Bestand zu haben. Sein Tagebuch, siebzehn Bände, die über fünfundsiebzig Jahre umfassen, ist bisher das umfangreichste der Literaturgeschichte.

Julien Green, geboren im September 1900 in Paris, hat ein ganzes Jahrhundert europäischer Literatur begleitet. Daß er immer noch am Leben war, reiste, schrieb, veröffentlichte, war ein herrliches Mirakel, die fleischgewordene Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, das wundersame Fortleben des Jahrhundertbeginns noch kurz vor dessen Ende. Als ich ihn vor ein paar Jahren fragte, welche Zeit in all diesen Jahrzehnten wirklich "seine" Zeit gewesen sei, gab mir der alte Herr, eine Decke um die Knie gewickelt, den silbernen Knauf des Stocks fest im Griff, eine klare Antwort: 1920 bis1933 in Paris, das war die Zeit der Sorglosigkeit und die Zeit der wichtigen literarischen Werke. Auch die Zeit, in der Zeit war für das andere der Zeit, für ihr Gegenbild, für ihren Schattenriß, für die Abwesenheit und das Empfinden, aus der Welt, aus der Wirklichkeit gefallen zu sein. "Manchmal", sagte Julien Green einmal, "kommt es mir so vor, als ob ich nicht lebte, sondern nur zu leben träume." Der Traum im Leben, alles, was der Aufklärung zum Opfer fiel, was verdrängt, verboten, begradigt und bereinigt wurde, war deswegen das große, vielleicht das einzige Thema seiner über vierzig Bücher.

Stille Provinzseelen gehen ihrem Trott nach. Düster und emsig, leben sie im Kerker ihres Biedersinns, bis irgendein Blitz, ein Schicksalsschlag, eine ungeahnte Leidenschaft sie niederwirft und eine kreuzbrave Tochter aus heiterem Himmel ihren tyrannnischen Vater die Stiege hinabstößt, bis ein unauffälliger Untermieter seine heimliche Liebe auf offener Straße erwürgt oder sich freudlose, dünnlippige Mädchen haltlos in den Dorfarzt verlieben.

Niemand will in diesen bedrückenden Romanen sein, wo er ist. Und keiner kommt weg. "Meine Bücher sind Bücher eines Gefangenen, der von der Freiheit träumt", heißt ein berühmter Selbstkommentar Julien Greens. Das andere der Vernunft, der andere im eigenen Ich, die ursprüngliche Fremdheit der Welt, die Nachtseiten der bürgerlichen Weltordnung, das sinnlose Schicksal, die unkontrollierbaren Leidenschaften des Körpers und der Seele lauern in diesem Kosmos buchstäblich unter jeder Häkeldecke, laden die weißen Buchseiten auf mit schwarzer Energie, die unversehens das mühselig aufrechterhaltene Gleichgewicht der Verdrängung und Gleichförmigkeit zum Platzen bringt und alle und alles beschmutzt.

Die Sünde, ein Wort aus der versunkenen Schatzkiste unserer Geistesgeschichte, war eines der wichtigsten Worte in Julien Greens imaginärem Wörterbuch. Sie "ist der Kampf der Seele, die zu Gott will". Sie ist der Schlüsselbegriff für den Kampf des Menschen um die Metaphysik, für den Sieg des Geistes über den Körper. Julien Green war ein gläubiger Konvertit. Seine Tagebücher sind das beredte Zeugnis für die ebenso kostbaren wie feinsinnigen Okkupationen eines gebildeten katholischen Intellektuellen, für Priesterbesuche, Bibelexegese und die großen und kleinen Feste der Transzendenz und der Anfechtungen. Sie halten treu zu dem uralten europäische Glauben, nach dem die Wirklichkeit, die wir erfahren, nicht alles, die Wahrheit verborgen und den Sinnen nicht zugänglich ist.

Neben der magischen Faszination für den amerikanischen Süden, die Heimat seiner früh verstorbenen Mutter und das Sehnsuchtsland seines Alterswerks ("Die Sterne des Südens", "Dixie"), die so gar nicht zu dem melancholischen Pilger ins Jenseits aller Tatsächlichkeiten zu passen schien, wird es nun für immer ein unaufklärbares Geheimnis mehr auf Erden geben: Es ist das Geheimnis des großen Diktierers, der diesem großartigen Autor angeblich jede Zeile ins Heft geschrieben haben soll. Nicht er selber, sondern jener "Andere", beteuerte Julien Green zeit seines langen Lebens, habe dieses ungeheure Werk verfaßt und ihm, dem demütigem Schreiberling, Zeile für Zeile diktiert. Nun haben uns beide, ich und es, Herr und Knecht, Gott und Gotteskind mit einem wunderbaren Rätsel mehr am 13. August allein gelassen.