Sein voriges Buch "Psychotherapie im Wandel" sorgte kräftig für Streit.

Der in Bern lehrende Therapieforscher Klaus Grawe war in dieser Mammutstudie zu dem Schluß gekommen, die Anhänger der meisten Psychotherapie-Schulen könnten nicht nachweisen, daß sie ihren Patienten wirklich helfen. Auch die marktbeherrschende Psychoanalyse kam schlecht weg. Freuds Jünger schimpften ihn dafür "omnipotenten Oberlehrer" und stellten die Ferndiagnose: "unbearbeiteter Narzißmus".

Jetzt hat Grawe nachgelegt, und zumindest den "Oberlehrer" werden seine Kontrahenten kaum zurücknehmen. "Psychologische Therapie" heißt der neue 774-Seiten-Wälzer, mit dem Grawe die Psychotherapie umkrempeln will. Der harmlos klingende Titel hat es in sich: Therapie soll sich in Zukunft an dem orientieren, was die Psychologie heute darüber weiß, wie Menschen denken und fühlen. Die meisten Therapeuten scheuen diese naheliegende Herangehensweise - sie verlassen sich auf die oft althergebrachten Lehren der Vordenker ihrer eigenen Schulen. Was die an den Universitäten betriebene wissenschaftliche Psychologie inzwischen herausgefunden hat, wird nur zur Kenntnis genommen, wenn es zufällig ins eigene Weltbild paßt.

Um die Praktiker zum Umdenken zu verleiten, holt Grawe das fiktive Gespräch aus der rhetorischen Trickkiste, mit dem schon Galilei seine halsstarrigen Gegner zu überzeugen suchte. Eine als Identifikationsfigur bereitstehende Therapeutin unterhält sich mit einem für das Grundlagenwissen zuständigen Wissenschaftler und einem Psychotherapieforscher. Das geht nicht ganz ohne Komik ab, weil sich die Bauchrednerpuppen des Autors gern gegenseitig loben, zwischendurch Meister Grawe selbst zitieren oder als Leidensgenossen des Lesers fungieren: Wenn Grawe Theorie auf Theorie ausbreitet und hier noch ein Modell und da noch eine Spekulation anbaut, lassen sich die zuhörenden Figuren mitunter nur seufzend auf die nächste Lektion ein: "Was sein muß, muß sein."

Grawe mutet ihnen und allen Lesern harte Kost zu. In seinem Gedankengebäude gibt es keinen Platz mehr für einigermaßen anschauliche Bestandteile der Psyche wie etwa Freuds "Über-Ich". Solche Homunkuli, die im Kopf ihres Besitzers ihre eigenen Strategien verfolgen, lehnt Grawe ab. Seiner Meinung nach wird das psychische Geschehen von sogenannten Schemata bestimmt. Ein Neugeborenes bringt beispielsweise eine Vorliebe für die Stimme seiner Mutter mit auf die Welt. Schon nach wenigen Tagen kann es sie von den Stimmen anderer Frauen unterscheiden - es verfügt über ein Wahrnehmungsschema. Wenn im psychologischen Versuchslabor immer dann die Stimme seiner Mutter ertönt, sobald das Kind besonders schnell an einem Schnuller saugt, stellt es sich darauf ein - nach der Theorie Grawes hat das Baby damit ein Handlungsschema erworben.

In Form von solchen Schemata speichern Menschen, wie die Welt beschaffen ist und wie darauf zu reagieren ist. Je nach den Erfahrungen, die sie mit ihrer Umwelt machen, verändern sich die Schemata - ihre Besitzer lernen. Es gibt sogar schon Vorstellungen, wie es im Gehirn zu Schemata kommt: Nervenzellen werden so zusammengeschaltet, daß sie gemeinsam aktiv werden. Bei Menschen mit psychischen Problemen können solche Verschaltungen jedoch unglücklich verlaufen sein.

Grawe illustriert dies am Beispiel einer Patientin, die gerne selbständiger leben möchte, doch deren Eltern ihr vorwerfen, sie damit im Stich zu lassen.