Uns Deutschen wird neuerdings alles "Kultur", wir können nicht anders. Es liegt nahe (kein Bildungsaufwand ist uns zu lästig), noch einmal Heinrich und Thomas Manns ästhetisch-moralischen Zank um den (angeblich) tragischen Gegensatz von "deutscher Kultur" und "westlicher Zivilisation" zu beschwören, doch der Kampf ist in Wahrheit entschieden: Bruder Thomas hat, achtzig Jahre nach dem Erscheinen der grandiosen und so schrecklichen "Betrachtungen eines Unpolitischen", endgültig obsiegt. Den Ausschlag gab Professor Doktor Gertrud Höhler in der Welt am Sonntag, als sie mit bebender Feder verkündete, daß sich die "Vertrauenskultur der Republik" auf dem Prüfstand befinde. Nur wenige Tage zuvor hatte sich Rita Süssmuth, Präsidentin unseres Bundestages und eine Meisterin jener Kunstsprache, die man Akademie-Deutsch nennen könnte, in die endlos dröhnende Debatte um das Holocaust-Denkmal mit der sensiblen Forderung gemischt, wir sollten recht bedenken, daß unsere "Erinnerungs- und Mahnmal-Kultur" auf dem Spiele stehe.

Zuvor lagen uns die bayerischen Gebetsmühlendreher mit ihren düsteren Beschwörungen der Dreikommanullnull-Kriterien für den Euro in den Ohren: Stoiber zumal, dieser Hohepriester der "deutschen Stabilitäts-Kultur", der wie ein biblischer Erzengel Wache an den Toren unseres DM-Paradieses bezog, um die Meute der Inflationssüchtigen aus dem Götzenreich der westlichen Zivilisation fernzuhalten. Die Münchner "Biergarten-Kultur" weiß, das versteht sich, jede Invasion des Undeutschen entschlossener abzuwehren, als es die Verfechter nördlicher "Kneipen-Kultur" vermögen, die im Bayernland oft verdächtigt werden, unlauteren Einflüssen aus Amerika oder dem Welschenland zu erliegen.

Die deutschen Tugenden von Nord und Süd aber dürfen sich froh und sieghaft in unserer "Freizeit-Kultur" vereinen, die keineswegs bedroht ist, wenn einer sieben Maß Bier oder fünf Schnäpse zuviel in den Hals schüttet: dann erst tritt die "Streit-Kultur" auf den Plan, die uns mahnt, lieber mit gepfefferten Worten auszutragen, was mit einem rasch und hart geschwungenen Teutonen-Seidel doch so viel schneller und nachhaltiger zu erledigen wäre.

Kultur und kein Ende. In unserer schönen Sprache sind, wie man wohl weiß, Wortkombinationen jeder Art und in unbemessener Länge erlaubt, was manche auswärtigen Kritiker zu dem Verdacht einlud, hierin verrate sich unsere Neigung, alles für möglich und machbar zu halten, ob es die Rassereinheit oder der Sieg bei ein paar Weltkriegen sei. An jener Merkwürdigkeit unseres Sprachgebrauchs ändern die Landesrechtsschreibungshauptkommissare mit ihren Reformen nicht das geringste. Von der Hochkultur zur Schrebergarten-Kultur, von der Frauen-Kultur zur Fußball-Kultur: Wir zwingen am Ende alles zusammen, und nichts ist zu entlegen, um nicht mit ein bißchen Wortgewalt jenem seelenvollen Begriff zugeordnet zu werden, den Thomas Mann einst gegen "Zivilisationsliteraten, belles-lettres-Politiker, Katzelmacher des Geistes, den miles gloriosus demokratischer ,Menschlichkeit'", kurz gegen Heinrich und den tugendtrunkenen Westen ins Feld geführt hat.

Oder stammt die Kultur-Schwemme am Ende aus den Laboratorien der Biologen, die - mit tückischer Genugtuung über ihre Retorten gebeugt - monströse Bakterien-Kulturen züchten? Was immer die Herkunft: Wir sind versucht, Arnolt Bronnen zu zitieren, den Halb-Nazi und Halb-Bolschewiken, Expressionisten, Anarchisten, Radaubruder und Oberspießer, dem wir das köstliche Wort verdanken, wenn er das Wort Kultur höre, entsichere er seinen Revolver.

Dieses sei uns fern, schon weil wir keinen besitzen. Aber wir dürfen getrost bemerken, daß uns die neudeutsche Kultur-Epidemie zum Halse heraushängt. Sie beweist, wie wir fürchten, das Gegenteil.