Kurz vor Mitternacht riß mich ein Anruf aus dem ersten Schlaf seit Tagen.

"Stehen Sie auf", sagte die Ärztin, die nachts in der Telephonzentrale des Hotels arbeitete, "wir sind schon besetzt." Das klang so mechanisch, als ob sie die Weckliste abhakte. Es war der Ausdruck ihrer selbstgewissen Bitternis. Woche für Woche hatte sie bis in alle Details hören wollen, ob der Prager Frühling die Kommunisten, das System und ganz Europa verändern könne.

Und am Ende schüttelte sie jedesmal den Kopf: "Die Russen werden unser Land doch wieder zu einem Protektorat machen wie vor ihnen die Deutschen."

Immer fühlt sich Prag im Bann seiner Geschichte, der die eigenen und die fremden Dichter Trauerflor anlegen. Auch in der ersten Stunde des 21. August war die Metapher längst da. "Die Welt dreht sich bestürzt rückwärts wie die Turmuhr im alten Judenviertel", schrieb einst Blaise Cendrars. So mußte es erscheinen, nachdem die Prager Schriftsteller und Reformkommunisten acht Monate lang gegen Moskau und die eigene Melancholie den Glauben hochgehalten hatten, daß sich die Geschichte nicht wiederholen werde. "Panzer wie in Ungarn 1956 können wir uns gar nicht leisten", rief der Kinderbuchautor Jan Procházka im März 1968 der erleichtert auflachenden Menge zu, "unsere Stadt bricht ohnehin auseinander."

Nun rasseln die Panzer durchs nächtliche Land, während die baufälligen Gassen des Golem und des Schwejk gerade ihre späte Ruhe gefunden haben. Nur am Wenzelsplatz fällt grelles Licht aus der Etage der Zeitung Svobodne slovo (Freies Wort). Über den Ticker drängt die bestürzte Welt herein. Sie dreht sich wieder rückwärts. Der Kalte Krieg quillt aus Fernschreiben und Radiostationen. Ein ehemaliger Nazi-Journalist in DDR-Diensten rechtfertigt diesen Einmarsch als Rettung des tschechoslowakischen Bruderlandes vor dem westdeutschen Revanchismus. Die ersten Augenzeugen aus Böhmen, Mähren und der Slowakei berichten mit tränenerstickten Stimmen. Die ersten Falken in Washington, London und Bonn stoßen nach. Friedensfreunde und Sozialdemokraten in aller Welt sollten ein für allemal ihre Illusionen begraben. Der Präsident und die Regierung der CSSR rufen ihre Landsleute auf, Tauben zu bleiben: "Vermeidet jedes Blutvergießen!"

Der Himmel dröhnt. Wir stürzen auf den Balkon der Redaktion. Militärmaschinen brummen im Tiefflug über Nationalmuseum und Wenzelsplatz. Sie bringen Truppen und Panzer zum Prager Zivilflughafen. Für 21 Jahre wird der Vorrat der Sowjetmacht reichen - dann erst werden der geschundene Alexander Dubcek und Václav Havel auf genau diesen Balkon treten und vor 500 000 jubelnden Pragern den Sieg der samtenen Revolution verkünden.

Dazwischen aber, in der jahrelangen Nacht, die am 21. August 1968 anbricht, verliert die Tschechoslowakei zum dritten Mal nach 1938 und 1948 einen großen Teil ihrer Elite. Das erste Opfer der in Prag einrollenden Panzer stirbt direkt unter Parteichef Dubceks Arbeitszimmer vor dem ZK-Gebäude an der Moldau.