Mir erschien die vollkommene Dominanz des traditionellen Kulturverständnisses stets als unabänderlich. Da wird die beispielhafte Infrastruktur von Museen, Theatern und Opern als Indiz für die Lebendigkeit der deutschen Kulturszene genommen, ohne daß jemand auch nur auf die Idee kommt, zu fragen, wen das denn überhaupt erreicht und anspricht oder wer denn gar aktiv daran partizipiert. Da werden, wie in München, die Innenstädte mit steriler Protzkultur zugepflastert, während letzte Kreativitätsoasen, wie etwa Universitätsfakultäten, in abgelegene Satellitenvorstädte ausgelagert werden.

Wenn Gerhard Schröder mit Michael Naumann eine "Wahrnehmungskultur", die von Pynchon und Auster, Anderson und Jagger (oder, nach meinem Gusto, Joyce Carol Oates und Siri Hustvedt, Bruce Springsteen und Juliana Hatfield) geprägt ist, ins Kabinett holen möchte, so kann ich nur sagen: More power to him! Helmut Kohl sei versichert, daß die Geschichte demjenigen, der in einem Zeitalter zusammenbrechender Ordnung unter Bewahrung des Friedens und Vermeidung von Opfern den Weg in eine neue Ordnung bereitet hat, die Achtung nicht vorenthalten wird. Die Ausgestaltung dieser neuen Ordnung kann jedoch nur von einer neuen Generation vollendet werden.

Dr. Ralf A. Engeldinger, Cambridge