Der Tagesspiegel dachte an einen sommerlichen Spaß und präsentierte seinen Lesern einen amüsanten Türkischkurs, damit der Berliner seinen Gemüsehändler auf türkisch fragen kann: "Gehen Sie mit dem Preis herunter?"

(Schließlich leben in Berlin rund 170 000 Türken.) Es kam, wie es kommen mußte. "Nie wieder Tagesspiegel, hier ist Deutschland!!!" - "Drucken Sie doch gleich Kurse in Bosnisch oder wie das heißt." Die Reaktion war heftig und bösartig. Mit dieser Leserwut konfrontiert, meldeten sich nun andere zu Wort, gingen mit den "piefigen Kleingeistern" ins Gericht und baten um "Weitermachen". Den Tagesspiegel freute es, war das Medienecho doch gewaltig, sogar die FAZ glossierte den Vorgang und fragte: "Ist es die Überreiztheit der Vorwahlzeit, die Menschen dazu bringt zu schwören, daß sie nichts Türkisches außer dem Döner in den Mund nehmen? Bereitete die von Jörg Schönbohm ins Bildungsbürgertum getragene Sorge, in türkischen Vierteln Berlins Deutschland nicht wiederzuerkennen, der Groteske im Tagesspiegel den Weg?"

Die Sowjets haben gesiegt, und die Russen als ihre Erben werden den Teufel tun, diesen Sieg zu verleugnen. Der erste Sekretär ihrer Botschaft Unter den Linden und Leiter der politischen Abteilung führt uns durch das Haus, das eine einzige in Stein geschlagene triumphale Siegespose darstellt. Eine Treppe aus edelstem Marmor, den Hitler für seine Welthauptstadt Germania gehortet hatte, führt in einen Kuppelsaal mit den Ausmaßen einer kleinen Kathedrale. 24 Meter hoch, Glasfenster mit Kreml und Sowjetstern. Blick in den Garten mit der Leninbüste, die einst in der Auffahrt die Passanten streng anblickte. Jelzin nahm an dem alten Bolschewiken Anstoß, als er seine Soldaten heimholte, und hätte ihn gerne zertrümmert. Doch das Botschaftspersonal stimmte ab: Über achtzig Prozent bestanden auf Lenin und hievten ihn in den Garten. Der 1. Sekretär bemerkt lakonisch: "Ein Sieg über die Monumente könnte am russischen Aktienmarkt auch nichts bewirken." Später ruft er uns nach: "Besuchen Sie unsere Ehrenmäler, die Deutschland verkommen läßt. Das reiche Deutschland hat kein Geld."

Thomas Michael Krüger ist 39 Jahre alt und Architekt. Für ihn und seinen Partner Wolfgang Belz gibt es nicht viel zu bauen an der Spree, alles ist längst verplant. Also organisieren sie Führungen von Architekten durch die werdende Hauptstadt. In den Plattenbauten gegenüber der russischen Feste residiert die polnische Botschaft aus den sechziger Jahren, sie steht unter Denkmalschutz. Innen heimelig, viel Holz, offenbar in bewußtem Gegensatz zum sowjetischen Großkotz gebaut. Daneben die Ungarn. Sie reißen ihre Platte ab und bauen neu, auf einem Drittel der Fläche. Neoliberale Bescheidenheit.

Auf dem Pariser Platz planen die Franzosen ein raffiniertes Haus. Ihnen zur Seite die Botschaft der Dresdner Bank mit einem Geldautomaten für den kleinen Mann. Die Engländer buddeln neben dem "Adlon". Die Amerikaner sammeln noch Geld für ihren Bau und machen sich Sorgen um die Sicherheit. Eine Möglichkeit wäre, den gesamten Pariser Platz zum Hochsicherheitstrakt zu erklären.

Personenkontrollen bereits beim Betreten der Hauptstadt.

Die Botschaft der Konrad-Adenauer-Stiftung am südlichen Rand des Tiergartens ist recht klein geraten. Ausgelegt für 30 Leute. 300 bleiben am Rhein, ganz in der Tradition ihres Namensgebers. Japaner und Italiener restaurieren ihre Nazistil-Prachtbauten. Und die Spanier? Werden sie die faschistischen Insignien über dem Portal abklopfen oder sie putzen wie die Russen ihren alten Lenin und den roten Stern?