Daß Walter Jens seinen Lehrstuhl in Tübingen nie aufgab, lag, so sagt er zumindest, auch an der Lokalzeitung, seinem geliebten Schwäbischen Tagblatt.

Unkonventionell, spritzig und angriffslustig wird in der kleinen Universitätsstadt täglich Zeitung gemacht, daß es nicht nur dem Rhetorikprofessor Jens eine Freude ist. Wo sonst fetzen sich die Leser so zahlreich und hingebungsvoll, daß die Zahl der veröffentlichten Zuschriften pro Bürger auf sechzehn im Jahr begrenzt werden muß?

Das geht, weil in Tübingen eine selten glückliche Personalunion aus Verleger und Chefredakteur der Redaktion den Rücken freihält. Christoph Müller, vor wenigen Tagen sechzig Jahre alt geworden, gilt in diesem Metier als Ausnahmeerscheinung, nicht nur, weil er sich in der schwäbischen Provinz zu seiner Homosexualität bekennt.

Seit Müller im April 1969 das Erbe seines Vaters antrat, sammelte er begeisterungsfähige junge Journalisten in seiner Redaktion um sich, deren Binnenverhältnis mit den Jahren immer familiärer wurde. Da verhandelte man in den Konferenzen schon mal die Wehwehchen des Chefs oder diskutierte das Liebesleben einzelner Redakteure. Außenstehenden stellte Müller seine Redaktion gerne mit den Worten vor: "Die g'höret alle mir." Daß kaum ein Redakteur je das Schwäbische Tagblatt verließ, lag allerdings nicht nur an dem wohligen Klima. Immer wieder ließ Müller durchblicken, daß er eines Tages seine Anteile am Verlag der Redaktion überschreiben werde. Wer also blieb, rechnete sich Erbchancen aus.

Doch nun wird daraus wohl nichts. Nach einem heftigen Streit mit seinen Angestellten hat der Chef die Redaktion enterbt. Ein kurzer Rock war schuld.

Im Herbst ist in Tübingen Oberbürgermeisterwahl, und einer der aussichtsreicheren Kandidaten aus dem Lager der Konservativen hat eine Freundin, die gerne sehr kurze Röcke trägt - ein Umstand, den Redaktionsleiter Müller aufgriff: In einem langen Artikel bezweifelte er die Wahlchancen des fraglichen Kandidaten, da "sogar in seiner Fraktion die Nase gerümpft wird über das Erscheinungsbild seiner Lebenspartnerin".

Frauenfeindlichkeit! Spießbürgertum! Den Überbringer der Botschaft traf der geballte Zorn. Leserbriefschreiber beklagten die "Niveaulosigkeit", sahen "den Schlamm nur so spritzen" und rieten Müller, "das Schreiben sein zu lassen und sich seinen Bildern zu widmen". Drei Tage später lasen die erstaunten Tübinger dann wieder einen Artikel zum Thema Rocklänge im Schwäbischen Tagblatt, diesmal von der Redaktion verfaßt. Was sich ihr Chef da erlaubt habe, habe sie alle "fassungslos" gemacht. "Die Redaktion ist der Ansicht, daß der Artikel gegen alle journalistischen Grundregeln verstößt und die Privatsphäre einer Frau auf üble Weise verletzt."