Ein Intellektuellentreffen in Berlin wirbt für die SPD - da werden Erinnerungen wach. Schon einmal warb eine Gruppe von Intellektuellen Stimmen für die SPD: die Sozialdemokratische Wählerinitiative (SWI). Ist sie wiederauferstanden? Springen wir einmal gut dreißig Jahre zurück, in eine Zeit der Annäherung von Geist und Macht.

März 1967: In einer Kieler Hotellobby hocken Günter Grass, Siegfried Lenz und Eberhard Jäckel und stecken die Köpfe zusammen. Gerade haben sie auf einer Wahlveranstaltung gesprochen und dem Publikum geraten, bei der Landtagswahl in wenigen Wochen dem SPD-Kandidaten Jochen Steffen, dem "roten Jochen", die Stimme zu geben. Der Wahlsonntag ist noch nicht vorüber, da denken die beiden Schriftsteller und der junge Geschichtsprofessor bereits über Größeres nach: Sie wollen in zwei Jahren Willy Brandt bei seinem dritten Versuch helfen, endlich Kanzler der Bundesrepublik zu werden.

Ein Jahr später löffeln im Hause Grass in der Berliner Niedstraße Professoren, Journalisten und ein Student die Fischsuppe des Gastgebers und führen rege Debatten. Der Fernsehinterviewer Günter Gaus verteidigt die Große Koalition: Die Regierung aus CDU, CSU und SPD sei gewiß schwer erträglich, ihr Zweck aber nur der vollständige Regierungswechsel. Was könnte man selber tun, ihn herbeizuführen? Eine ungewöhnliche Frage. Partei ergreifen auch ohne Parteibuch oder Amt: das war zu jener Zeit ein neues Phänomen. Die Intellektuellen hatten es nach dem Krieg eher vermieden, sich für eine Partei auszusprechen. Viele von ihnen waren enttäuscht, daß der nationalsozialistischen Katastrophe ein bürgerliches Adenauer-Land folgte, in dem die Menschen für einen Käfer in die Fabrik und zum Fußball auf den Sportplatz gingen, nicht aber für freien Sozialismus auf die Straße.

Andererseits brachten es die Intellektuellen in den fünfziger Jahren auch nicht übers Herz, die spießige Arbeiter-SPD der Hosenträger tragenden Schumachers und Ollenhauers zu mögen. Anstatt sich für die parlamentarische Demokratie und ihre Parteien zu engagieren, hoben Schriftsteller und Publizisten lieber von Zeit zu Zeit den Zeigefinger.

Doch die SPD begann sich zu wandeln und mit ihr einige Intellektuelle. Willy Brandt war schon 1961 ein Kanzlerkandidat nach ihrem Geschmack. An seiner Biographie faszinierten die Emigrantenjahre in Skandinavien und die Teilnahme am spanischen Bürgerkrieg. Von Christdemokraten wurde er wegen seiner unehelichen Herkunft verleumdet Franz Josef Strauß bezichtigte ihn gar, als Emigrant seine Heimat im Stich gelassen zu haben.

Nun aber Partizipation, Regierungswechsel, Willy Brandt: Schlagworte, mit denen die Intellektuellenrunde einiges bewirken sollte. Aus der "Gruppe Grass", wie die Medien die Zusammenkunft in der Niedstraße nennen, entsteht die Sozialdemokratische Wählerinitiative. Prominente aus Literatur, Film und Fernsehen, aus Presse und Hochschule, Theater, Literatur und Sport melden sich ungefragt zu Wort, Tausende Normalbürger folgen ihnen nach und tun kund: "Wir wählen SPD. Tun Sie das bitte auch!" Die Bundesrepublik gerät in ein politisches Bekenntnisfieber. Auch Katja Ebstein, Horst Tappert, Romy Schneider und Paul Breitner genügt es nicht mehr, am Wahlsonntag einsam und allein ein Kreuz zu malen. Sie machen Wahlkampf für die SPD - ohne daß jemand sie darum gebeten hätte.

In der SPD-Parteiführung wandern nicht wenige Augenbrauen nach oben, als sie bemerkt, daß sich aus dem Diskussionszirkel eine selbständige Wählerinitiative bildet. Herbert Wehner weiß, daß er diese Art der Wahlhilfe nicht kontrollieren kann. Außerdem ärgern ihn Äußerungen von Grass über seine Person. Als der Schriftsteller ihm in Bonn die Initiative erläutern will, knallt der Zuchtmeister seine Pfeife auf den Tisch und schreit: "Geben Sie doch zu, Sie haben etwas gegen mich!" Doch Wehner wäre nicht Wehner gewesen, wenn er nicht erkannt hätte, daß die ungebetenen Helfer neue Wählerschichten erschließen könnten. Und so schreibt er dem Parteivorsitzenden, daß die Sache höchste Aufmerksamkeit verdiene. Willy Brandt muß indes nicht erst überzeugt werden. Er hat etwas übrig für die Intellektuellen, könnte glatt einer der Ihren sein. Außerdem gilt ihre ganze Verehrung ihm. "Wir liebten ihn alle", erinnert sich Politikprofessor Arnulf Baring heute. Die SPD gibt den Intellektuellen ihr Okay und ein Büro in der Adenauerallee in Bonn.