In Rußland ist der große kapitalistische Zehnjahresplan des Westens zerplatzt. Dabei sah dieser auf dem Reißbrett zu Beginn der neunziger Jahre so gut aus: Der Übergang Rußlands von der sozialistischen Planwirtschaft in die Marktwirtschaft schien von außen steuerbar, mit gutem Rat, regelmäßigen Krediten, Auflagen und Ermahnungen wollten westliche Finanzinstitutionen eine marode Wirtschaft kurieren und transformieren. Zügig hofften Amerikaner und Europäer den einstigen Gegner aus dem Kalten Krieg in die "eine Welt" der unbegrenzten Kapital- und Warenströme zu integrieren. Am westlichen Finanzwesen sollte Rußland genesen.

Doch ausgerechnet im wichtigsten Reformland Osteuropas schlug die Arznei nicht an. Es ist keine fünf Wochen her, da stellten der Internationale Währungsfonds und andere Geldgeber einen Kredit von 22,6 Milliarden Dollar in Aussicht. Rußland sollte gegen die asiatische Monetärgrippe immunisiert, sein wackliger Rubel gestützt werden. Doch die Investoren und Spekulanten glaubten nicht an eine Stabilität auf Pump, der die politische und ökonomische Wirklichkeit des Landes widersprach. Niemand wollte mehr in den Rubel und in Rußland investieren. Mit der faktischen Abwertung der maroden Landeswährung und einem dreimonatigen Moratorium auf private Auslandsschulden bestätigte die Moskauer Regierung am vergangenen Montag, wie berechtigt das Mißtrauen war.

Damit ist Rußlands wesentlicher und sichtbarster Reformerfolg, die Währungsstabilität, dahin. Nun drohen teure Importe die Inflation anzuheizen, steigende Preise noch mehr Menschen in die Armut zu treiben. Die wachsende Verschuldungspyramide lastet schwer auf der Bevölkerung: Wann will dieser Staat je pünktlich die Löhne auszahlen? Die "Reformen" nach westlichem Rezept sind endgültig diskreditiert, die "Reformer" und ihre Ratgeber werden zu Sündenböcken.

Heute rächt es sich, daß westliche Regierungen die Gestaltung der Rußland-Politik in entscheidenden Fragen dem Internationalen Währungsfonds überlassen haben. Dessen weltweit verordnetes Allheilmittel Währungsstabilität hätte in Rußland parallel mit wirksamen Rechtsreformen, dem Umbau des Sozialsystems und der Verwaltung verwirklicht werden müssen.

Und wenn der Westen schon großzügige Kredite gibt, dann sollten sie rechtzeitig kommen. Als sich der IWF im Juli zu seinem Milliardenpaket durchgerungen hatte, war Rußland längst von der asiatischen Krise infiziert, die Schlacht um den Rubel schon verloren.

Der Präsident verstand die Kredite als bequemes Polster Präsident Jelzin hat bis Anfang dieses Jahres Kredite weniger als Chance begriffen, sondern als Polster, auf dem sich bequem auf die nächste Tranche warten ließ. Seinen Zielen war er dann häufig selbst im Weg. Die Reformen scheiterten auch an seiner sprunghaften Personalpolitik. Seine Minister haben berechenbare Amtszeiten nie gekannt Jelzin feuerte sie nach machtpolitischer Opportunität.

Die demokratischen Züge des Präsidialsystems, schwach, wie sie sind, hat sein Schöpfer nie richtig begriffen und nicht akzeptiert: Auch wenn die Duma machtloser als westliche Parlamente ist, auch wenn sie von Kommunisten und von Irrationalität beherrscht wird, so verabschiedet sie dennoch die Gesetze.