Berlin

Es ist "eine Jahrhundertchance"! beschwört Gesine Schwan, Politologin an der Freien Universität in Berlin, die Öffentlichkeit. Seit mehr als einem Jahr setzen sich FU und Berliner Senat für einen Umzug der Universität in das ehemalige amerikanische Headquarter an der Clayallee in Dahlem ein. Sie würde etwas gewinnen, was ihr bitter fehlt: einen Campus. Aber seit geraumer Zeit liegt über diesem Projekt die trübe Aura einer Affäre. Man kann darin eine bürokratische Groteske oder den üblichen Skandal der Brüskierung Berliner Interessen durch den Bund sehen. Jedenfalls hat der Bundesnachrichtendienst schon mal zu- und durchgegriffen. Er sicherte sich den Zuschlag für ein großes Gebäude mitten in der Liegenschaft. Daß die Blütenträume von einer veränderten FU und alle wissenschaftspolitischen Überlegungen Makulatur wären, interessiert weder in Pullach noch im Kanzleramt. "Die Geschichte stinkt", resümiert Klaus Böger, SPD-Fraktionschef in Berlin.

Die Idee, das ehemalige Headquarter für die FU zu nutzen, hat nichts mit dem seit der Wende üblichen Gebäude-wechsle-Spiel zu tun. Sie ist einfach schlüssig. Selbst die Rede von der "Jahrhundertchance", von der Entfaltung einer "scientific community" ist nicht übertrieben. Sie signalisiert emphatische Hoffnungen, die den Problemen der FU entspringen. Seit der Wiedervereinigung Berlins laboriert die Universität an einer akuten Identitätskrise. Die Humboldt-Universität, privilegiert durch ihre zentrale Lage, durch spektakuläre Berufungen und ein dynamisches Reformklima, sonnt sich im öffentlichen und staatlichen Wohlwollen. Über der FU liegt der Mehltau der Gremienuniversität, der Personalratsmacht, der Besitzstandswahrung. Sie ist räumlich fragmentiert

zwischen Instituten liegen oft zehn Kilometer Luftlinie - schlechte Karten in einer Situation, in der der rabiate Spardruck auch die Konkurrenz unter den Universitäten extrem verschärft hat. Das amerikanische Hauptquartier befindet sich nicht nur in unmittelbarer Nähe zu den zentralen Einrichtungen der Universität

es würde ihr auch eine repräsentative Adresse, einen attraktiven Stadtraum und eben einen Campus, das heißt, einen anziehenden Ort für die bislang atomisierte Gelehrtenrepublik, bieten. Da dann die FU auch die vielen Dahlemer Villen, die durch kleinere Institute belegt sind, endlich freiziehen würde, könnte ein Teil der Umzugskosten finanziert werden. Und natürlich: Jeder Umzug ist immer auch ein wenig Neuanfang und setzt Energien frei.

Der Senat unterstützt das Projekt. Die Amerikaner, die ihre Patenschaft für die FU nicht vergessen haben, favorisieren es. Das ist dem Kanzleramt erklärt worden. Eine richtige Antwort haben sie nicht erhalten. Im November 1996 hatte der Bund einen Teil der US-Liegenschaft Berlin und damit der FU zur Nutzung angeboten. Ein Jahr später aber hieß es: Das Gelände sei "für die Zwecke des Bundes nicht entbehrlich". Vergebens flehte der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen in einem Brief an den Kanzleramtschef Bernd Schmidbauer: "Sie erkennen hierin, daß mir dieses Projekt doch sehr am Herzen liegt." Daß der BND ein Gebäude des US-Headquarters nutzt, ist offenbar entschieden. Allein Wissenschaftssenator Peter Radunski ist offiziell von dieser Entscheidung nicht in Kenntnis gesetzt worden. Vom BND hört man, daß die Nutzung der "technischen Einrichtungen" unverzichtbar sei. Handelt es sich da etwa um hinterlassene Apparate der CIA? BND-Chef Jörg Geiger hält die Entscheidung für irreversibel, da nun schon Geld in die Planung investiert sei. Außerdem, so versicherte er Gesine Schwan, könne er sich eine Nachbarschaft mit Universitätsinstituten gut vorstellen. Welch eine Vision: Schlapphüte und Studenten treffen sich in einer Cafeteria

die offene Wissenschaft und ein Geheimdienst am gemeinsamen Campus. Will der BND sich gar als eine Art Forschungsinstitut präsentieren? Ursprünglich war von 48 Stellen die Rede, jetzt sind es 200. Wird hier ein Brückenkopf für einen späteren Umzug des BND ausgebaut?