Wie schnell fromme Wünsche zerplatzen können. "Es ist an der Zeit, die Schnüffelei in unserem Privatleben zu beenden. Ich bitte Sie, das Spektakel der vergangenen sieben Monate hinter sich zu lassen." Gesagt. Verpufft. Nur Sekunden nach dieser Bitte und nach dem öffentlichen Geständnis von Präsident Bill Clinton über eine sexuelle Beziehung mit Monica Lewinsky waren sie da: die Experten jeder Couleur, die Freunde, die Gegner, die Laien - und zwar redesüchtiger denn je. Auf jedem Kanal, in jeder Zeitung, auf den Internet-Seiten und an den Stammtischen. Das Land der Seifenopern diskutiert mit neuem Elan über die Reality-Serie im Weißen Haus. Sex, Liebe, Betrug und Eifersucht - der Stoff ist allemal besser als "Denver", "Dallas" und "Baywatch" zusammen. Die Grenzen zwischen Politik und Privatheit sind endgültig passé.

"Ich verzeihe ihm", darf nach dem Geständnis des Präsidenten als erster der loyale Clinton-Berater James Carville in die Kamera nuscheln. Dann muß sich der Experte für politische Strategie alte Aufnahmen der betrogenen Ehefrau Hillary ansehen und sagen: "Ich fühle mit ihr." Traurig. Peinlich. Zapp, zum nächsten Kanal. Der grimmig blickende John Ashcroft, ein möglicher Präsidentschaftskandidat der Republikaner, redet. "Das ist keine Sache mehr, die nur mit ihm und seiner Frau zu tun hat", kommentiert der 56jährige scheinbar betroffen, und doch weckt sein Auftritt nur den einen Gedanken: Wie schafft er es bloß, das schadenfrohe Lächeln zu unterdrücken? Ein Präsident, der als Lügner entlarvt ist, müßte eigentlich bei den Republikanern ein Freudenfest auslösen. Schließlich redet Ashcroft doch Klartext: "Ich glaube, damit endet die Zeit der wirkungsvollen Präsidentschaft von Clinton." Nun werden sie ihn jagen, den angeschlagenen Mann, er wird für den Seitensprung noch bitter bezahlen, die öffentliche Abbitte hilft ihm nicht. Im Gegenteil.

"So ein Dummkopf", zitiert CNN wenig später einen anderen Senator Clinton, und der republikanische Abgeordnete aus Georgia, Bob Barr, gibt kurz darauf die Richtung für die politische Schlammschlacht vor: "Wir haben einen Präsidenten, der der Welt gesagt hat, er sei ein Lügner, ein Meineidbauer."

So etwas mache ihn "international schwach" und wecke "sicherheitspolitische" Bedenken.

Sicherheitsbedenken wegen eines Seitensprungs? Zapp, einen Kanal weiter folgt die hilfreiche Geschichtsstunde. Der Autor eines Buches über presidential sex darf reden. Schon zu Zeiten der Gründerväter, so weiß er zu berichten, hatten Präsidenten ihre Geliebten. Über Kennedys Affären wußte sogar die Presse Bescheid und schwieg. Damals gab es allerdings noch nicht so viele Sendeplätze zu füllen, und es gab nicht so viele Experten, die ihre Bücher vermarkten müssen. Zapp, zapp. Deborah Tannen zum Beispiel. Die Autorin, die mit ihren Werken über Kommunikationsprobleme zwischen den Geschlechtern ein Vermögen verdient hat (Tenor: Wir verstehen uns sowieso nicht), darf über den männlichen Betrug und die weibliche Betrogene philosophieren. Beispiel: der Präsident. Der Politiker Clinton hat dank seiner Libido endgültig alle politikfreien Shows erobert.

Doch wer schaut eigentlich noch zu? Zapp. Die Amerikaner, die vor die Kameras gezerrt werden, sind sich einig: "Das Ganze ist lächerlich." Schnelle Umfragen belegen Volkes Meinung, über sechzig Prozent der Bürger glauben auch am Morgen danach noch, daß Clinton seinen Job gut macht. Über zwei Drittel wollen, daß er Präsident bleibt. Und sie wollen das Thema zu den Akten legen, angeblich. Ganz ehrlich sind die meisten beim letzten Punkt wohl nicht, Clinton-Lewinsky bringt enorme Einschaltquoten. Solange die Nachfrage stimmt, läuft die Show weiter. Die Juristen helfen dabei. Zapp, der ehemalige Clinton-Berater Dick Morris geht eiligen Schrittes zum Gericht. Schon am Tag nach der Präsidentenrede verhört Sonderermittler Kenneth Starr die nächsten Zeugen. Im Laufe der Woche soll auch Monica wieder vorsprechen. Starr ist begieriger denn je, dem Kongreß mit seinem Bericht genügend Beweise zu bieten, daß der Präsident einen Meineid geleistet und die Justiz behindert hat.

Clinton selbst ist vor den Kameras in den Urlaub geflüchtet, mit dem Satz: "Sogar Präsidenten haben ein privates Leben." Ist er nicht aus der Generation, die das Private politisch machen wollte? Armer Mann. Power off.