Die Belastungsprobe, der das Kino heute ausgesetzt ist, kommt aufs schönste bei einem Festival zum Ausdruck, das seit Jahren riesig werden und zugleich ganz konsequent bleiben möchte. In Locarno, auf der Piazza Grande, ist die Spannung so groß geworden, daß es dabei den filmbegeisterten Direktor zerrissen hat: Marco Müller trat vor der Eröffnung überraschend zurück. Sein Festival belegte noch einmal die Gefahren und die Fruchtbarkeit einer Programmierung, die in den Extremen des Kinos dessen Zukunft sucht. Der Kontrast könnte nicht größer sein zwischen Joe Dantes "Small Soldiers", einer mächtigen Hollywoodsatire auf Krieg und Spielzeug, und dem winzigen Erstling "Der Adoptivsohn" von Aktan Abdikalikov, der von einer kirgisischen Dorfkindheit erzählt. Aber zusammen retten sie das Kino vor den Propheten der Eindeutigkeit. - In Deutschland, zwischen den Extremen, wächst das Rettende auch. Es heißt "23" und ist der zweite Film des jungen Hans-Christian Schmid: ein paranoisches, getriebenes Epos im Stil von Scorsese, über Spione und Hacker und die späte Bundesrepublik, über den Auftakt des virtuellen und den Abschied des politischen Zeitalters. Pophistorische Präzision, Integrität und Speed auf der größten Leinwand Europas.