Die Mutter sagt immer, wir kennen des Lebens süße und bittere Seiten.

Aber wir haben immer nur die bitteren Seiten zu schmecken bekommen, die süßen kennen wir nicht. In diese Welt geboren, ohne die wahren Gefühle von Männern zu kennen, nur reiche Mäzene dazu zu bewegen, möglichst viel Geld zum Fenster rauszuwerfen, soll das etwa Liebe sein?"

Das schreibt eine Japanerin, 1925 als uneheliches Kind in einem Dorf der verarmten Provinz Shinano geboren, von der leiblichen Mutter verstoßen, noch im Vorschulalter vom Onkel einem Großgrundbesitzer als Kindermädchen überlassen, mit zwölf Jahren an ein Geisha-Etablissement verkauft, jahrelang gedemütigt, gequält, zu tiefster Erniedrigung gezwungen. Die Mutter, das ist ihre Ziehmutter, Chefin des Etablissements, die Puffmutter japanischer Prägung, die sich aus der Zwölfjährigen eine verwendbare Geisha heranzieht die reichen Mäzene, das sind die Händler und Geschäftsleute, Chefs ihrer Firmen, die das zum brauchbaren Sexualobjekt zurechtgemodelte Mädchen nach ihren Launen und Gelüsten mißbrauchen.

Was denkt sich eigentlich ein europäischer Tourist, der sich vor einem Tempel in Kioto oder sonstwo in Japan mit einer Geisha photographieren läßt, womöglich mit einer maiko im perlenbesetzten Kopfputz und geblümten Kimono, kreideweiß geschminkt und auf hohen Holzschuhen balancierend? Er bildet sich ein, nach Europa zurückgekehrt, seinen Freunden und Bekannten glaubhaft verkünden zu können: Schaut her, das ist eine Geisha-Schülerin, erst zwölf, vielleicht dreizehn Jahre alt, doch womöglich in ihrem zarten Alter schon mit allen Wassern gewaschen, mit allen Salben ihres Gewerbes geschmiert - aber, wie man sich denken kann, auf allerhöchstem Niveau!

Vielleicht kennt er die Definition des deutschen Wörterbuchs, eine Geisha sei eine in Tanz und Musik ausgebildete Gesellschafterin, die zur Unterhaltung der Gäste in Teehäusern beitrage, ist aber durchaus geneigt, diese Auskunft für eine delikate Schönfärberei zu halten: Denn eine Geisha - das ist immer noch die landläufige Meinung - ist in Wirklichkeit eine Prostituierte, allerfeinster Qualität freilich.

"Geisha jedoch sind keine Dirnen, die der Mann auch dann respektieren könnte, wenn er als zahlender Kunde auftritt. Daran, wie er die Geisha behandelt, die er bezahlt und engagiert hat, erweist sich, wie er in seinem Innersten zu Frauen steht. Geisha sind der Prüfstein dafür, ob ein Mann Frauen achtet, mißachtet oder verachtet", lauten Michael Steins letzte Sätze im Nachwort eines Buchs, das diese Mißverständnisse, Fehleinschätzungen, zwiespältigen Auffassungen einer menschlichen Existenzform zum heiklen, ja auch erschütternden Gegenstand hat.

Dieses Buch führt in zwei dokumentarischen Berichten, wie sie in Inhalt und Gesinnung, Sprache und Gestaltung nicht gegensätzlicher sein könnten, die Schicksale professionell ausgebildeter Geishas vor.