Oliver Herrmanns CD-Photographien sind Schnappschüsse, Installationen, Montagen, die das richtige Leben noch richtiger machen wollen. Mal zeigen sie Christine Schäfer mit Claudio Abbado, über den Hals einer leeren Mineralwasserflasche hinweg freundlich in die Linse blinzelnd. Mal sieht man die deutsche Sopranistin an der Seite des großen Pierre Boulez durch Paris flanieren: er voll von väterlicher Milde und Melancholie, sie hellwach und ein kleines bißchen schüchtern. Menschen sind diese Künstler - das ist die Botschaft! - und keine Musikmarionetten, die sich in steife Fräcke oder Brokatgewänder stecken lassen, um nur ja den hohen, hehren Anspruch ihrer Kunst zu wahren.

Wie die Deutsche Grammophon Gesellschaft diese neue Menschlichkeit designt, stimmt freilich mißtrauisch. Christine Schäfer, im Geschäft noch jung und von ihrem Exklusiv-Label zum neuen Stern am Himmel der lyrischen Soprane ausgerufen, sollte skeptisch bleiben, keine Projektion über die eigene Wahrhaftigkeit kommen lassen, den Preis der Medientauglichkeit nicht unterschätzen. Denn so herzergreifend schlicht, so untrüglich stilsicher sie mit den Berliner Philharmonikern unter Abbado die virtuosesten Mozart-Arien musiziert (allein das innige Zwiegespräch mit Maria JoÆo Pires am Flügel in "Non temer, amato bene" lohnt die ganze Aufnahme: DG 457 582-2) - eine zweite Callas, wie an anderer Stelle schon behauptet wurde, ist Christine Schäfer ganz gewiß nicht. Und auch keine dritte Anneliese Rothenberger, keine vierte Elisabeth Schwarzkopf.

Schäfer - ganz Kind unserer Zeit? - geht mit ihrer Stimme ungleich sachlicher, nüchterner, ja instrumentaler um, als besagte Ikonen es je getan haben. Weder rechtes Gold- noch flirrendes Silberkehlchen ist sie. Und gibt nie mehr, als sie hat - nicht an Volumen, nicht an Ausdruck oder Aura. Es muß diese Unverstelltheit, diese hohe Natürlichkeit im Ton gewesen sein, die Pierre Boulez gefiel, als er 1992 für einige halbszenische Aufführungen des "Pierrot Lunaire" eine Sängerin suchte. Denn anders als Schauspielerinnen, denen es oft an rhythmischer Präzision mangelt, anders auch als manche schwere Stimme, die Schönbergs berüchtigten Sprechgesang gern in ein expressionistisch ausuferndes Bramarbasieren verkehrt, glücken Christine Schäfer und dem Ensemble InterContemporain hier eine nahezu perfekte Balance (DG 457 639-2), zwischen plastischer Artikulation und kühl fließender Leichtigkeit, zwischen Mondsucht und Verstandeshelle. Ganz wie im richtigen Leben. Nur noch viel schöner.