Kabul

Es geht hektisch zu und laut, aber Maulavi Abdurrahman Agha, einer der ranghöchsten Richter der Taliban, hat die Lage im Griff. "Du behauptest also, daß der Angeklagte deine Tochter entführt und gegen ihren Willen zur Ehe gezwungen hat", sagt der Richter, an den Kläger gewandt. "So ist es", entgegnet dieser. "Ich bin Händler, und als ich einige Tage verreist war, hat dieser Hund" - er deutet auf den Angeklagten, seinen Schwiegersohn wider Willen - "meine Tochter entführt, einen Ehevertrag aufgesetzt und die Ehe vollzogen."

Der etwa dreißigjährige Richter - die wenigsten Afghanen kennen ihr Geburtsjahr - lüftet seinen Turban und fährt mit der Hand durch die schulterlangen Haare, massiert seinen Vollbart. Ein Laufbursche bringt Tee, anschließend führen Wärter des anliegenden Gefängnisses die Braut in den Gerichtssaal - nachdem ihr Vater gegen ihren Mann Klage erhoben hatte, wurde das junge Paar erst einmal verhaftet. Im Gerichtssaal gibt es keine Stühle und Tische, die etwa zwanzig Anwesenden, bis auf das eine Mädchen nur Männer, sitzen zu ebener Erde im Schneidersitz. Wie früher der Prophet Mohammed und seine Gefährten, erklärt mir Shehabuddin (deutsch: der "Meteor der Religion"), ein Iraker, der vor drei Jahren an einem Attentatsversuch gegen Saddam Hussein beteiligt gewesen sein will. Anschließend floh er nach Afghanistan, um sich den Taliban anzuschließen. Hier ist er einer der Gefängniswärter.

Das Gericht selbst besteht im wesentlichen aus drei Personen: dem Richter, dem Beisitzer Nizamuddin (die "Ordnung der Religion"), der gleichzeitig einer der Polizeichefs von Kabul ist, und einem Protokollführer. Die Urteile des Scharia-Gerichts sind nicht anfechtbar, Rechtsanwälte gibt es nicht. Kläger und Beklagte werden vom Richter nach ihrer Glaubwürdigkeit beurteilt, sofern keine Aussagen von Augenzeugen vorliegen. Als Zeichen seiner Autorität liegt zu Füßen des Maulavi eine Kalaschnikow.

"Christ, du sprichst arabisch, also bekenne dich zum Islam!"

Die Strafen sind drakonisch. Verheiratete Ehebrecher beispielsweise werden gesteinigt, unverheiratete erhalten hundert Peitschenhiebe, ob Mann oder Frau. Dieben, die Waren im Wert von mehr als zehn mohammedanischen Dirham stehlen, wird die rechte Hand amputiert. Zehn Dirham aus dem 7. Jahrhundert entsprechen heute, so der Wechselkurs der Taliban, ungefähr hundert Dollar. In den letzten zwölf Monaten wurden in Kabul Dieben achtmal die Hand amputiert sowie einmal die rechte Hand und der linke Fuß - die Strafe für Wegelagerei.

Man versteht, warum das Mädchen vor Angst zittert. Wie alle Frauen im Herrschaftsbereich der Taliban ist sie verpflichtet, einen Ganzkörperschleier zu tragen, der nur in Augenhöhe von einer Art Fliegengitter unterbrochen wird. Männer sind gezwungen, eine Kopfbedeckung zu tragen, möglichst einen Turban, einen Bart und wallende Gewänder. Der Richter spricht besänftigend auf das Mädchen ein und versucht, es zu beruhigen. "Sprich", gebietet er dann, "bist du gegen deinen Willen zur Ehe gezwungen worden?"