Pioniere haben es oft schwer. Als vor Jahren Reinhold Konstanty, Arbeitsschutzfachmann des Deutschen Gewerkschaftsbundes, ein fünf- bis fünfzehnminütiges Nickerchen mittags am Arbeitsplatz empfahl, erntete er Hohn und Spott. Glossenschreiber machten sich über die arbeitsrechtlichen Folgen lustig ("Sollen die Unternehmen Dienst-Ohropax stellen?") oder geißelten das angeblich wirklichkeitsferne Denken der Gewerkschaften.

Doch nun, da diese Idee aus den Vereinigten Staaten zu uns kommt, erscheint sie plötzlich als neuester Schrei kreativen Managements. Eine ganze Reihe amerikanischer Unternehmen bietet ihren Mitarbeitern inzwischen die Möglichkeit zum power nap . Das Architekturbüro Gould Evans in Kansas City stellt beispielsweise Zweimannzelte zum Entspannen bereit, der kalifornische Unternehmensberater 42 IS hat gar eigens ein napping loft eingerichtet (das Schlafbüro ist inzwischen so beliebt, daß die Beschäftigten sich einen Platz lange im voraus reservieren müssen), und das kanadische Chemieunternehmen Nova bietet seinen Angestellten Liegesessel an. Und auf einmal, so stellt selbst die nüchterne Financial Times fest, klingt die Idee vom kurzen Ausruhen in der Mittagspause gar nicht mehr so spinnert.

Getrennte Ruheräume für Männer und Frauen?

Vor allem in Berufen mit hohem Sicherheitsrisiko sind kurze Ruhepausen dringend angesagt: bei Langstreckenpiloten (British Airways macht sich gerade Gedanken über ein entsprechendes Nickerchen-Programm), beim Umgang mit Gefahrstoffen oder bei der Überwachung komplexer Steuerungsprozesse. "Übermüdung ist heute nicht nur die Hauptursache der meisten großen Katastrophen, sondern auch vieler kleiner Unfälle am Arbeitsplatz und im Verkehr", stellt der Schweizer Sozialpsychologe Michael Baeriswyl fest. Denn Computereinsatz, Automatisierung und schnelle Verkehrs- und Kommunikationssysteme stellen immer höhere Anforderungen an die Aufmerksamkeit, denen viele auf Dauer nicht gewachsen sind. Kurze Ruhepausen zwischendurch können da Wunder wirken, meint Baeriswyl: "Die Summen, die sich allein durch mehr Schlafen sparen ließen, sind beachtlich. Kaum je war Schlafen lukrativer."

Doch solche Appelle stoßen hierzulande noch kaum auf die rechte Resonanz. Das Wort Schlaf sei in der Arbeitswelt einfach negativ besetzt, meint Jürgen Zulley, Leiter des Schlafmedizinischen Zentrums an der Uni Regensburg. "Obwohl belegt ist, daß nach einem kurzen Mittagsschlaf weniger Fehler gemacht werden, gibt keine Firma gerne zu, daß bei ihr geschlafen wird."

Das liegt zum einen am schlechten Image des Mittagsschlafs, der gerne als unproduktive Ausfallzeit verunglimpft wird. Zum anderen türmt sich vor der verdienten Ruh' noch so manches praktische Problem auf: Müssen Ruheräume nach Männern und Frauen getrennt werden? Wie geht man mit schnarchenden Kollegen um? Dürfen Wecker benutzt werden, oder stört dies die Ruhe der anderen? Bei der kanadischen Firma Nova etwa werden die Schläfer jeweils von ihren Mitarbeitern geweckt. Anderswo kommen vibrierende Wecker zum Einsatz, die keinen Lärm machen.

In rückständigen Firmen dagegen, die den Schlaf der Angestellten noch nicht als wichtige Ressource erkannt haben, muß man zur Selbsthilfe greifen. Eine aufblasbare Nakkenstütze wie bei Langstreckenflügen ermöglicht das Nickerchen am Schreibtisch. Empfehlenswert ist auch, den Kopf auf einen Bücherstapel zu betten, das oberste Buch immer aufgeschlagen. Das ist diskret und beugt möglichen Rückgratverkrümmungen vor.