Es war vorhersehbar, daß in der Demokratischen Republik Kongo ein Krieg ausbrechen würde. Tatsächlich hat die Machtergreifung Laurent-Désiré Kabilas keines der Probleme gelöst, die den Aufstand gegen den Diktator Mobutu im Oktober 1996 provoziert hatten: Die 1990 eingeleitete Demokratisierung stockt; der Zusammenbruch der Wirtschaft des ehemaligen Zaire ist seit den siebziger Jahren offenkundig. Der Streit um Land im Kivu-Gebiet dauert an, und die Anhänger der Hutu-Macht in Ruanda wie auch die Gegner von Präsident Yoweri Musevenis in Uganda führen ihren Guerillakrieg von Rückzugsbasen im Ostkongo aus.

Außerdem suchte Kabila wieder das Gespräch mit der politischen Klasse Kinshasas, die er vorher leichtfertigerweise verprellt hatte. Als er sich mit dem Anführer der Mobutu-Gegner, mit Etienne Tshisekedi versöhnte und seine Tutsi-Militärberater Ende Juli entließ, überschritt er den Rubikon. Bis vor die Tore Kigalis und in die West- und Nordprovinzen Ugandas wurde es unruhig. Der Gegenschlag des Ruanders Kagame und Ugandas Musevenis kam prompt. Wie 1996 kaschiert der Zusammenschluß zu einer oppositionellen Front kaum ihre offenkundige Einmischung.

Allerdings sollte letztere auch nicht die unlösbaren hausgemachten Probleme verdecken. Zum einen hatte Marschall Mobutu die kongolesische Staatsbürgerschaft der Einwohner ruandischen, burundischen und ugandischen Ursprungs - darunter die berühmten Banyamulenge - in Frage gestellt. Das geschah unter dem Druck einiger lokaler Eliten und aus taktischen Gründen: Er wollte sie spalten, um anschließend als letzter Garant der nationalen Einheit zu erscheinen. Zum anderen ist da die Agrarfrage, die sich wegen des demographischen Drucks, wegen des Flüchtlingsstroms und wiederholter Konflikte zwischen Hirten und Bauern in aller Heftigkeit stellt. Insofern ist die Kongokrise exemplarisch. Denn beide Probleme, die Frage der Staatsbürgerschaft wie die der Agrarkonflikte, stehen immer häufiger auf der politischen Tagesordnung Afrikas. Wenn etwa Präsident Konan Bédié von der Elfenbeinküste seinen Hauptgegner, den ehemaligen Premierminister Alassane Ouattara, zu diskreditieren sucht, indem er darauf verweist, daß dieser aus Burkina Faso stammt. Oder wenn Präsident Daniel arap Moi in Kenia ethnische Säuberungen im Rift Valley auslöst, um die zugewanderten Kikuyu-Bauern zu vertreiben und den Demokratisierungsprozeß zu destabilisieren.

Begreift man, daß es in der Kongokrise zuvorderst um Regionalpolitik geht, um wirtschaftliche Kämpfe und die Definition von Staatsbürgerschaft - viel stärker als um ethnische Konflikte, wie allzu generell behauptet wird -, so relativiert sich das Risiko eines auseinanderbrechenden Kongos. Der Westen ist von dieser Idee besessen. Deshalb unterstützte er Mobutu so lange. Tatsächlich sollte man jedoch die Beständigkeit von Staaten und die Stärke des Nationalismus südlich der Sahara nicht unterschätzen. In Afrika gab es nur einen echten Versuch einer Abspaltung - Biafra -, die übrigens scheiterte; die Abspaltung Katangas war weitgehend durch ausländische Interessen manipuliert und nicht von Dauer. In den anderen Bürgerkriegen, in Angola etwa, in Mosambik, im Tschad, in Liberia und in Sierra Leone, geht es um die Kontrolle der Zentralmacht und nicht um die Einheit des Staates. Es gab sogar Bürgerkriege mit dem Ziel, den Staat so wiederherzustellen, wie die Kolonialherren ihn hinterlassen hatten, wie in Eritrea, in Zentralafrika oder Somalia. Auf der anderen Seite leben Staaten, deren Grenzen heute mit denen der präkolonialen Staaten übereinstimmen wie im Fall Burundis und Ruandas, nicht frei von Schwierigkeiten, weit gefehlt. Insofern ist die Vorstellung falsch, daß alle Probleme Afrikas mit seinen "künstlichen" Staatsgrenzen zusammenhängen, wie sie auf dem Kongreß in Berlin 1885 von den Kolonialherren willkürlich gezogen wurden. Als wären die heutigen Grenzen Polens älter oder weniger willkürlich!

An dieser Krise läßt sich sogar ein Prozeß ablesen, der genau das Gegenteil eines Niedergangs des Staates ist. Der Krieg trägt in Zentralafrika an erster Stelle zur Bildung eines Staatensystems bei, wie er das in Europa bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts tat.

Das Eingreifen Ruandas und Ugandas, inzwischen auch Angolas und Simbabwes in die Kongokrise ermöglicht es diesen Staaten, ihre militärische Stärke auszuweiten und im Rahmen ihrer strategischen und wirtschaftlichen Interessen Allianzen und Achsen zu schmieden. Insofern hat der Kongo den Platz inne, den Deutschland im 18. Jahrhundert einnahm und um den er gewiß nicht zu beneiden ist: Geschwächt durch seine Teilungen wird er zum Gefechtsfeld regionaler Ambitionen. Seine territoriale Einheit wird jedoch um so weniger in Frage gestellt, als die Kongolesen selbst vor allem damit beschäftigt sind, zu überleben und Handel zu treiben, und sich untereinander nur selten bekämpfen. Das überlassen sie lieber ihren wilden Nachbarn und warten auf die Aushandlung eines regionalen Gleichgewichts nach Art eines "Westfälischen Friedens". Vielleicht hoffen sie auch auf einen nationalen Aufschwung, für den Kabila, ein Mann der sechziger Jahre, jedenfalls nicht steht.

Auf der anderen Seite verfügt der Kongo über ein ausgeprägtes Nationalbewußtsein. Manchmal droht es gar, in Fremdenfeindlichkeit abzugleiten: In den letzten Wochen wurden Tutsi auf den Straßen Kinshasas als Ausländer gejagt, als Brut des äußeren Feindes. So nährt ein Stammesdenken den Nationalismus. Ethnisches Bewußtsein steht mithin nicht im Gegensatz zu Nationalbewußtsein. Eine Gefahr erwächst eher, wenn sich im Dienst starker, ja militarisierter Staaten Nationalismen mit rassistischen Anklängen entwickeln wie eben im Gebiet der Großen Seen.