Den handgeschriebenen Zettel wie eine Landkarte vor sich, eilt Rahman Nassery um die Hochregale eines Großmarktes. Mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn erfüllt er gerade die letzten Wünsche seiner Kunden, die über das Internet eintrafen: je eine Dose Wildschwein-, Hirsch- und Rehragout, ein Zwölferpack Tempos, eine Tube Blend-A-med.

Nassery führt einen virtuellen Supermarkt, das "Einkaufsnetz". Wer in Hamburg wohnt und seine Einkaufsliste bis 13 Uhr faxt, die Ware im Internet unter www.einkaufsnetz24.de anklickt oder mit der Sekretärin Jola Mokry telephoniert, wird nachmittags zur verabredeten Zeit bedient. Den Lieferservice gibt es seit drei Jahren. Ende 1996 folgte der Sprung ins Internet. Nassery bietet dort vom Brot bis zum Aufschnitt, vom Gemüse bis zum Toilettenpapier rund 2500 Artikel feil. Ein Katalog mit vielen Photos, den jeder neue Kunde kostenlos erhält, erleichtert die Auswahl. Unter deutschen Lebensmittelhändlern wäre der Hamburger nur ein Exot, wenn, ja wenn er nicht gerade ein Franchise-System vorbereiten würde. Bundesweit in allen Großstädten soll sein Einkaufsnetz einen Stützpunkt haben. Ende des Jahres werden die ersten Franchise-Nehmer in Norddeutschland online gehen. Eine Landkarte soll im Internet anzeigen, wo die Filialen liegen. Das Konzept des Einkaufsnetzes ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert.

Nachdem Nassery seine Idee in Fachzeitschriften und Online-Magazinen publik gemacht hatte, konnte er sich vor willigen Nachahmern kaum retten. "Pro Tag kamen bis zu 25 Anfragen." Derzeit verhandelt er mit rund 50 potentiellen Franchise-Nehmern, die seine Idee, seinen Katalog und seinen Internet-Bestellservice übernehmen sowie die besseren Einkaufskonditionen im Verbund nutzen wollen. "In Deutschland kenne ich kein zweites Franchise-System wie dieses", erklärt Dirk Hecking von der auf Handel spezialisierten BBE-Unternehmensberatung in Köln.

Direkte Konkurrenz gibt es für das Einkaufsnetz derzeit kaum, bestätigt auch Angela Wisken. Wisken beobachtet beim Fachblatt Lebensmittel Zeitung die Trends im Internet und kennt lediglich beim Karstadt-Konzern und bei der Metro AG Projekte, die über das Versuchsstadium schon hinaus sind. "Den Entwicklungen in den USA oder auch in Österreich sind wir hier aber weit hinterher." Nasserys großer Vorteil gegenüber dem Supermarkt an der Ecke ist, daß seine Fixkosten weit niedriger liegen. Er besitzt lediglich ein kleines Büro, das direkt neben einem Großhandel der Rewe-Gruppe liegt. Dort kauft er je nach Auftragslage ein. Die Miete für ein Ladenlokal, das Inventar sowie die Nebenkosten entfallen. Finanziert werden müssen nur drei VW-Transporter, mit denen er die Ware ausfahren läßt, die Kosten für die Internet-Seite sowie die Druckkosten für den Katalog. Deswegen floriert das Einkaufsnetz, obwohl monatlich nur mehrere hundert Kunden für 40 bis 200 Mark bestellen. Beim Umsatz gleicht das Einkaufsnetz also einem Tante-Emma-Laden, wirft aber weit mehr ab.

Seine Kunden teilt Nassery in drei Gruppen. Vierzig Prozent der Bestellungen kommen von Firmen wie Werbe- oder Multimedia-Agenturen. Darüber hinaus nutzen Rentner und eine Reihe von gut verdienenden jungen Menschen, die über den Ladenschluß hinaus im Büro sitzen, den Service. Ursel Mißfeldt bestellt dort schon seit Jahren. "Als Rentnerin hätte ich inzwischen zwar die Zeit, einkaufen zu gehen. Ich habe aber keine Lust, mit dem Rentnerporsche durch die Stadt zu laufen. Und zu teuer ist es auch nicht."

Mißfeldts Einschätzung deckt sich mit den Ergebnissen zahlreicher Testkäufe, mittels deren die Redakteure von Online-Magazinen das Einkaufsnetz prüften. Ergebnis: Bei einem Einkauf von fünfzig Mark ist das Einkaufsnetz drei bis vier Mark teurer als der durchschnittliche Supermarkt. Eine Lieferpauschale von fünf Mark kommt hinzu. Und wer nicht ausschließlich Getränke ordert, dem tragen die drei Fahrer von Nassery Bier und Wasser auch umsonst bis in den fünften Stock.