Wer macht Bildung zum Megathema? Wer macht die Bildungsreform? Wer formt die Koalition, die sie zustande bringt? Und wer blockiert? Sabine Etzold hat in ihrem Artikel "Fit für die Zukunft" (ZEIT Nr. 33) eine Antwort präsentiert: "Schüler und Studenten sind besser als ihr Ruf. Bildungspolitiker und Lehrer verdienen die Note ‰mangelhaft'."

Als Opposition freut man sich an der Schelte, die im Bund die regierende Koalition und Minister Rüttgers trifft und in den Ländern nur der Riege sozialdemokratischer Bildungsministerinnen und -minister gelten kann. Und Pädagogen- und Beamtenbashing mag populär sein und auch nicht grundlos. Aber globale Schuldzuweisung ist selbst Teil des Blockademechanismus. Sie verletzt Tausende kreativer Lehrerinnen und Lehrer, die seit Jahren die inhaltlichen Reformen von der Heranführung der Schulen ans Netz bis hin zur ökologischen Bildung tragen - mit Engagement weit über die Beamtenpflichten hinaus.

Reformer und Bremser sitzen in allen Gruppen. Vorurteile blockieren links wie rechts. Intellektueller Immobilismus formiert sich vor allem hinter ideologischen Fahnen. Basokratische studentische wie elitistische professorale Eiferer verhakeln sich in Konstruktionen für die Hochschulgremien. Jungsozialistische wie altkonservative Etatisten fürchten den frischen Wind von Marktbeziehungen an den Hochschulen ebenso wie die Marktapologeten ihre Wirksamkeit überzeichnen. Studentenfunktionäre ideologisieren das Studentenleben zur Pariaexistenz, Professoren sehnen Zeiten zurück, in denen die Kinder besserer Kreise als naturgemäß intelligenter galten. Während die einen das Heil in Studiengebühren suchen, wollen andere die Studierenden in die Grundsicherung aufnehmen, leugnen die Privilegien des Studiums ebenso wie die öffentliche Finanzkrise.

Als Reformhindernis outen sich allenthalben auch konservativ-elitäre und naßforsch-neoliberale Professoren diverser Fakultäten, die ihrer eigenen Institution und den Studierenden zunehmend feindlicher gegenüberstehen und den vielfältigen Sozialtypen der heutigen Studierenden nicht mehr gewachsen sind. Von dort erschallen besonders laut die Forderungen nach kürzerer Schulzeit, aber anspruchsvollerem Abitur, nach weniger Studierenden, aber mehr Geld, nach Gebühren, Regelstudienzeiten, Selektion zu Beginn und am Ende des Studiums.

Daß dagegen ein Minister nicht hält, was er versprochen hat, daß ihm eine Reform zum Reförmchen zerrinnt wie beim HRG oder eine andere vollständig platzt wie beim BAföG, daß ein Programm nicht akzeptiert wird wie die Meisterfortbildung, ist schlimm, kommt aber vor im politischen Geschäft. Wirklich gescheitert ist die Bundesregierung, weil die geistige Orientierung ihrer Bildungspolitik anachronistisch ist. Bildungspolitik nur als Standortpolitik zu betreiben ist eine fatale Verkürzung.

Das Recht auf Bildung muß in den Mittelpunkt der Politik rücken. Und wenn es ihr in der Globalisierungsfalle schwerer fällt, Vollbeschäftigung zu gewährleisten - ein Bildungswesen auf Weltniveau kann sie ihren Bürgern bereitstellen. Ein Bündnis für Arbeit gewinnt, wenn es durch ein Bündnis für Bildung unterfüttert wird, das die Reform der Berufsausbildung und eine gerechte Verteilung der Kosten von Weiterbildung zwischen Beschäftigten und Arbeitgebern bewerkstelligt - und wenn es Beschäftigung im Bildungswesen schafft.

Die Politik muß die Bildungsinstitutionen befähigen, auf die vielfältigen Anforderungen der Gesellschaft schnell und kompetent zu reagieren. Die beste Hilfe ist die Stärkung ihrer Autonomie. Der schwierige Bildungsföderalismus in Deutschland wird allerdings nicht zu halten sein, wenn er vom Terrain gemeinsamer Verantwortung zum Terrain gegenseitiger Schuldzuweisungen oder parteitaktischer Manöver verkommt.