Unser philosophisches, wissenschaftliches und technisches Wissen ist aus dem Medium Schrift entstanden. Heute erleben wir die digitale Revolution. Sie wird den Wissenserwerb verändern, vor allem aber die Art, wie wir unser Denken in Zukunft abbilden. Diese neue Ausdrucksform, für deren Wiedergabe wir den Computer benötigen, wird die Schrift nicht verdrängen. Sie bietet aber neue Möglichkeiten, die Wirklichkeit zu deuten und sie für die Nachwelt in Bildern, Tönen, Assoziationen und Symbolen zu erhalten und zu kommunizieren.

Noch ist es nur eine Minderheit, welche die neue Ausdrucksform beherrscht. Wir sind in diesem Falle Analphabeten, die diese neue Sprache passiv erleben. In der Schule müssen wir deshalb zu einer aktiven Medienalphabetisierung kommen. Ein derartiger Lernprozeß darf sich nicht darauf beschränken, die Schulen ans Netz zu bringen und auf eine technische Ausstattung zu hoffen, die niemand finanzieren kann. Schon mit kleinen Schritten läßt sich die neue Sprache erlernen und die Bilderwelt, die zu ihr gehört, durchschauen.

Demokratie lebt davon, daß die Bürger informiert sind

Die Schule muß aber auch die Fähigkeit stärken, eigene Bilder zu schöpfen; denn nur so können wir die fremden leichter verstehen. Dabei spielt die Leseförderung eine wichtige Rolle. Ein gelesener Text fordert von jedem Leser die Freiheit zur Eigeninterpretation. Er muß aus Sprache Bilder entstehen lassen. Seine Phantasie wird angeregt, zum Gelesenen auch Alternativentwürfe zu entwickeln. Letzteres aber ist eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren der Demokratie, die gewissermaßen vom Alternativentwurf lebt.

Gerade in diesem Bereich kann ein anderes Medium, nämlich die Zeitung, zur Erziehung genutzt werden. Der Printjournalismus bietet die Chance, als Korrektiv der im Medium des Fernsehens angelegten Flüchtigkeit der Bilder zu wirken, statt dessen Flüchtigkeit nur zu wiederholen. Zu der auf schnelle, kurze Bildfolgen zusammenredigierten "Realität" des Fernsehens gehört als Alternative die genaue und ausführliche Berichterstattung in einer Zeitung. Wenn es richtig ist, daß Demokratie davon lebt, daß ihre Bürger informiert werden, dann sind besonders Zeitungen geeignet, um Schüler von bloßen Konsumenten wieder zu mündigen, das heißt zu anspruchsvollen Mediennutzern zu machen, die Informationen bewerten können, die auch in der Lage sind, schlechten Journalismus zu durchschauen und gründliche, solide Information durch ihr Kaufverhalten zu erzwingen.

Politische Mündigkeit ist keine angeborene Eigenschaft, sie muß erlernt werden. Der Umgang mit Zeitungen in der Schule befähigt Schüler, im täglichen Nachrichtenbereich zu differenzieren, gegenzulesen. Sie können erkennen, wo Nachrichten und Kommentar sich mischen oder durch falsche Bilder verzerrt werden. Angesichts der Bilderflut des Fernsehens können sich Schüler, die gelernt haben, eine Zeitung zu lesen, ihr eigenes Bild machen.

Deshalb sollten bewußt im Unterricht Zeitungen, Rundfunksendungen und Fernsehprogramme gestaltet werden. Über Video- und Photodokumentationen, Schul- und Stadtteilzeitungen, vielleicht sogar auch über einen offenen Fernsehkanal können Schülerinnen und Schüler ihre Umwelt interpretieren. Sie erfahren zugleich, wie man mit Bildern manipulieren und eigene Interessen medienwirksam darstellen kann. Spielerisch lernen sie, audiovisuelle Texte zu schreiben und zu lesen.