Die Welt ist aus dem Lot. Nicht nur, daß die Weltwirtschaft nach dem Taumel eines jahrelangen Höhenflugs vor dem Kollaps zittert. Auch die Weltpolitik ist aus den Fugen geraten. Überall lodern Fackeln der Gewalt, Bürgerkriege stoßen schwächliche Staaten ins Chaos, Mord und Massaker beherrschen die Schlagzeilen. Unruhen im Kongo lösen eine Intervention der afrikanischen Nachbarn aus. Im Kosovo führt Milocevic Krieg gegen die Albaner, von denen 200000 auf der Flucht sind. Terroristen schlagen in Kapstadt wie Nairobi zu und im nordirischen Omagh. Der Nahostfrieden kommt nicht voran. Die Präsidenten Amerikas und Rußlands, ein Schwerenöter der eine, der andere schwer in Nöten, stecken aus verschiedenen Gründen in der Bredouille. In Japan laviert ein schwächlicher Premier nach dem anderen das Land immer tiefer in den Morast. Europa aber macht Ferien, auch von der Weltpolitik.

"Es herrscht große Unordnung unter dem Himmel, die Lage ist ausgezeichnet", könnte ein Zyniker der Macht wie Mao Tse-tung, der stets gern im trüben fischte, heute wieder sagen. Manch ein leidender und duldender Zeitgenosse jedoch, der sich beim Ende des Ost-West-Konfliktes eine schöne neue Weltordnung erhofft hatte, fängt allmählich an, sich nach der raketenstarrenden Stabilität und der grabeskühlen Ruhe des Kalten Krieges zurückzusehnen.

1. Gegen Chaos hilft keine Führungsmacht. Auch die Vereinigten Staaten von Amerika können diese Rolle nicht ausfüllen. Wohl mögen sie zur "indispensable nation" geworden sein, zu einer unentbehrlichen Macht mit weltweiten Interessen, weltweiten Verpflichtungen, weltweitem Aktionsradius; ohne sie können nirgendwo Konflikte verhindert, Krisen beigelegt werden. Aber sie sind nicht allmächtig und brauchen in jedem Fall Verbündete. Und wie die Amerikaner rund um den Erdball engagiert sind, so sind sie auch rund um den Erdball verwundbar; kein Wunder, daß das Volk die Last der globalen Verantwortung mehr und mehr scheut. Selbst ein Präsident, bei dem der Gedanke gar nicht erst aufkäme, er ordne einen Angriff mit Marschflugkörpern an, um seiner angeschlagenen Glaubwürdigkeit aufzuhelfen, täte sich schwer mit entschlossenem Handeln.

2. Der Westen hat den großen Drachen bezwungen; jetzt sieht er sich im Dschungel der Weltpolitik unversehens einer Vielzahl kleiner Giftschlangen gegenüber. Der Kongo fällt an Kabila oder seine Tutsi-Widersacher - und wenn schon? Während des Kalten Krieges galt die Domino-Theorie: Fällt ein Stein, folgt sogleich der nächste. Solch eine politische Kettenreaktion steht heutzutage nicht mehr zu befürchten. Ob eine andere Sorte Mordbuben in Kinshasa Einzug hält oder ein anderer Schlag Eiferer in Kabul - für die Menschen dort ist es schlimm; eine existentielle Bedrohung für die ganze Menschheit geht davon jedoch nicht aus. Heute bildet nicht die Weltpolitik, sondern die Weltwirtschaft die Arena, in der sich zerstörerische Kettenreaktionen im Nu ausbreiten können. Die Giftschlangen sind lästig, nicht lebensgefährlich; nicht einmal die Vipern des Terrorismus.

3. Kriege innerhalb von Staaten sind eine ganz andere Sache als Kriege zwischen Staaten. Wer in zerfallenden Staaten eingreifen wollte, müßte sich darauf einrichten, sie für lange Zeit unter Kuratel zu stellen. Kein Wunder, daß sich keiner zum Handeln aufraffen kann. Die Vereinten Nationen wären schon gar nicht in der Lage, "Kriege für den Frieden" (Karl Popper) zu führen. Sie können allenfalls ein Diskussionsforum anbieten, sie können Sekretariatsdienste leisten und als globaler Notar fungieren. Eine Weltregierung wird auch das 21. Jahrhundert nicht erleben.

4. Es hilft alles nichts: Die großen Krisenregionen dieser Erde - Afrika und Südostasien - müssen selber wieder richten und leimen, was bei ihnen aus den Fugen geraten ist. Auch die großen Problemstaaten - Rußland, Japan und vielleicht morgen China - müssen ihr Haus im wesentlichen allein in Ordnung bringen. Ausländische Ratschläge sind wenig hilfreich. Oft genug sind sie falsch; oft genug auch bewirken sie politisch genau das Gegenteil dessen, was die fremden Ratgeber bezweckten. So gelten die Reformer in Moskau heute vielen Russen schon fast als gedungene Spione des "Weltbank-IWF-CIA-Komplexes".

5. Es wäre ganz falsch, bar aller Hoffnung einfach die Hände in den Schoß zu legen. Der Versuch ist überfällig, eine neue Struktur der internationalen Zusammenarbeit zu zimmern, um sowohl dem Ausbruch von bewaffneten Konflikten wie der Ausbreitung von Anarchie entgegenzuwirken. Die alten Organisationen, die sich im vergangenen halben Jahrhundert etabliert haben, taugen nicht mehr für die Probleme der heutigen Zeit: die Vereinten Nationen mit ihren Ritualen; die G-7-(oder G-8-, G-23-, G-77-)Gipfel mit ihrem Medienmassenauftrieb; der Weltwährungsfonds mit seiner beschränkten Lernfähigkeit; selbst die Weltbank in ihrer zuweilen störenden Abhängigkeit von den zahlenden Mitgliedsstaaten. Zumindest müssen ihnen neue Ziele gesetzt werden.

Natürlich wird immer ein großer Rest bleiben. Die Welt ist nie ganz ins Lot zu bringen. Sie war auch im Kalten Krieg nicht im Lot; wir haben vielerlei Schlächtereien bloß nicht wahrgenommen, weil sie nicht im Ost-West-Blickfeld lagen. Jetzt drängen sie sich mit brutaler Unmittelbarkeit in unser Bewußtsein. Der Versuch, wenigstens einige Probleme auszuräumen, ist aller Mühen und Ehren wert. Nach zehn Jahren weltpolitischen Wildwuchses wäre wieder eine Phase des planvollen Bauens fällig.

Der Entwurf einer internationalen Architektur für das neue Jahrhundert gehört auf die Reißbretter der Staatskanzleien.