Oswald Metzger, der grüne Haushaltsexperte im Bundestag, hat das Programm kritisiert, mit dem Gerhard Schröder in die Nach-Kohl-Ära starten will. Er hat die Ankündigungen ernst genommen und auf ihre finanzpolitische Seriosität hin untersucht. Aber "Schröder bei seinen Inhalten stellen", das haben schon andere probiert. Längst hat sich zur virtuosen Unverbindlichkeit der SPD-Kampagne die Abgeklärtheit ihrer Beobachter gesellt: Daß niemals zuvor ein Wahlkampf so wenig über die Politik aussagen wollte, die hinterher vielleicht durchgesetzt werden soll, gehört inzwischen zu den allseits akzeptierten Grundannahmen.

Dem Kandidaten verschafft das einen enormen Spielraum. Muß er sich da noch ernstlich auf Widerspruch einlassen? "Wer ist Oswald Metzger?" fragt er statt dessen in die Runde, die seiner Berliner Talk-Show zum "Start-Programm" lauscht. Grüne, die ihn kritisieren - so darf man das verstehen -, ignoriert der Kandidat nicht einmal.

Schröder liebt besonders die großkoalitionären Gesten

Beruhigend für die Grünen, die die Hoffnung auf Bonner Regierungsteilhabe noch nicht aufgegeben haben, ist immerhin, daß Parteichef Oskar Lafontaine die rotgrüne Koalition als wahrscheinlichste Variante gerade wieder ins Spiel gebracht hat. Gerhard Schröder liegen eher die großkoalitionären Gesten. Doch auch Bundesgeschäftsführer Franz Müntefering bescheinigt den Grünen inzwischen die Regierungsfähigkeit. Süffisant macht er der Ökopartei die Rolle als künftige FDP schmackhaft. Giftiger kann man den Grünen gar nicht bedeuten, wie hoch der Preis sein wird, den sie für eine Regierungsbeteiligung unter Gerhard Schröder zu zahlen hätten.

Wie mit den Inhalten spielt die SPD auch mit den Konstellationen. Rot-Grün oder Große Koalition, unentwegt nährt sie beide Optionen, achtet auf die Balance und spekuliert auf Wähler aus allen Lagern. Ganz nebenbei präsentiert sie sich damit schon vor der Wahl in der bestimmenden Rolle: Sie ist es, die den passenden Koalitionspartner erwählt. Wer weiß, vielleicht sind es am Ende ja die Grünen. Daß ihnen dann keine starke Position erwachsen soll, ergibt sich schon aus der herablassenden Vorgeschichte.

Für die Grünen ist das alles schwer erträglich - und doch nicht zu ändern: Einst, zu Beginn des Wahljahres, schwärmten sie vom Politikwechsel, an dem sie als ernsthafte Reformpartei allein interessiert seien. Das ist lange her. Schon während des Kandidatenspiels zwischen Schröder und Lafontaine setzte sich auch bei den Grünen langsam die Erkenntnis durch, dem Politikwechsel sei notgedrungen der Machtwechsel vorgelagert. Und so wurde Schröder, der einzige, dem man den Sieg zutraute, zum heimlichen Hoffnungsträger auch der Grünen. Doch erst mit dem Benzinpreis-Debakel erfuhr die Partei, wie dicht die spektakuläre Forderung nach einem Politikwechsel und das Risiko des eigenen Unterganges beieinanderliegen. Seither balancieren auch die Grünen - weniger gekonnt als Schröder: Zu harsche Forderungen nach einer anderen Politik diskreditieren sie beim Gros der Wähler und somit auch beim künftigen Koalitionspartner. Mit der Orientierung allein auf den Machtwechsel jedoch und mit dem dazugehörigen Opportunismus riskiert die Partei ihren Ruf als entschlossene Reformkraft.

In diesem Dilemma bleibt den Grünen derzeit kaum mehr als die Rolle nörgelnder Trittbrettfahrer. Man will teilhaben an Schröders Machtwechselprojekt, ohne die Kritik daran ganz zu verschweigen. Dissens zum Wunschpartner gibt es genug. Nähme man etwa Jost Stollmanns Auftritt in Berlin, seine ungebrochene Wachstums- und Technologiebegeisterung, als Vorgeschmack auf sozialdemokratische Regierungspolitik, könnten die Grünen schon heute alle Hoffnung auf eine gemeinsame Arbeit fahrenlassen. Auch Otto Schilys Konzepte zur inneren Sicherheit bieten wenig Raum für rotgrüne Kompromisse. Für die Ökologieskepsis einer künftigen SPD-Regierung steht der Kanzlerkandidat selbst: Die Ökosteuer, das Schlüsselprojekt, an das die Grünen ihre Koalitionsbereitschaft knüpfen, ist in seinem "Start-Programm" nicht vorgesehen, der Atomausstieg bleibt vage Absicht.