Das Schönste am Theater sind die Siege, die Triumphe. Das klingt fürchterlich banal - so banal wie der Umkehrsatz: Zum Theater gehören die Niederlagen. Daß aber das eine vom anderen gar nicht zu trennen ist, daß beides zusammengehört wie Tag und Nacht, wie Kopf und Kragen, wie Strindberg und Striese, daß, wer das eine erleben will, das andere fallweise zu ertragen hat: dies scheinen immer weniger überhaupt wissen zu wollen.

Einer aber, der es offensichtlich noch nicht vergessen und verdrängt hat, ist als Fossil abgestempelt, ein Auslaufmodell im avancierten Kulturbetrieb: der Stadttheaterabonnent. Ihn, den Vielbelächelten, treiben ja nicht nur pure Bequemlichkeit und schnödes Rabattdenken alle Jahre wieder ins Mietbüro zur Verlängerung seines Stammplatzes - nein, auch die Einsicht ist es, die andere längst abgeschrieben haben: Theater braucht Ausdauer, braucht langen Atem (diesseits wie jenseits des Vorhangs). Denn Theater ist immer Auf und Ab, ist immer auch Glückssache und gruppendynamisches Wagnis, ist team-, temperatur- und tagesform- abhängig - mithin: eine äußerst labile, nicht kalkulierbare Chose. Kein Fertigprodukt vom Fließband - mit Qualitätsgarantie und aufgedrucktem Haltbarkeitsdatum. Zum wahren Theater gehört das Absturzrisiko. Zum wahren Theaterliebhaber: Geduld.

Vollends gilt das, wenn das angekündigte Opus, wie jetzt bei der letzten Premiere der Salzburger Festspiele 98, auch noch "Geometry of Miracles" heißt - und der Autor/Regisseur Robert Lepage. Seinen Verehrern gilt der Frankokanadier vom Jahrgang 1957 ohnehin als der wichtigste zeitgenössische Theatererneuerer. Alle Voraussetzungen also für ein spektakuläres Salzburg-Event. Ent- sprechend das Medienrauschen vorweg. Noch einmal wurden die Erinnerungen an die umjubelten Europa-Gastspiele der "Drachentrilogie" und der Monumentalproduktion "The Seven Streams of the River Ota" beschworen, noch einmal all jene Vokabeln ehrfürchtig zitiert, mit denen das Theater des Robert Lepage und seiner Gruppe Ex Machina immer wieder umschrieben wird. Intuitiv, improvisatorisch, ingeniös. Multimedial, experimentell, poetisch...

Doch was man dann schließlich zu sehen bekam auf der Perner Insel, im fünfzehn Kilometer vor der Stadt gelegenen Hallein, war ganz gewiß weder die "Neubegründung des Theaters aus dem Geist der Romantik" noch die "Kreation visionärer Text- und Bildlandschaften" - es war nicht mehr als ein biographisches Kammerspiel mit didaktischem Unterton. Lepage zeichnet, teils in choreographischen Arrangements, teils in fast naturalistischer Manier, die Lebens- und Schaffensgeschichte des großen amerikanischen Architekten Frank Lloyd Wright nach und konfrontiert sie - das ist dokumentarisch abgestützt - mit den sektiererischen Ideen und Kollektivpraktiken des russischen Guru-Philosophen George Iwanowitsch Gurdjieff; der, in seiner zweiten Rolle als nackter Beelzebub, schließt mit dem alternden Baumeister eine Art Faust-Pakt ab. Keine unspannende Ausgangssituation also: Doch je länger, je mehr verliert sich der Abend an eine kreuzbrave Dialektik von Individuum und Gemeinschaft, Genie und Teamwork, Freiheit und Drill. Stocktrockene Stationen-Chronologie, Szenen, die fad oder unfertig wirken, dann ein peinlicher Ausflug ins Wachsfigurenkabinett der Lenin-Stalin-Historie: Die vielen Defizite dieser zweieinhalb Stunden addieren sich zuletzt zur herben Enttäuschung. Wäre da nicht in zwei, drei explosiven Bildern die poetische Energie des Regisseurs aufgeflammt (der furiose Schreibtisch-Step des Bosses von Johnson-Wax; Wrights Schöpfungsrausch - ein ekstatisches Kreisen und Kreieren an der leuchtenden Projektionswand) - Lepage hätte noch nicht einmal seinen Ruf als Effekt- und Trickkünstler halbwegs plausibel machen können.

Work in progress? Ein Stück, das sich noch weiterentwickeln wird (wie es sich offensichtlich jetzt schon stark verändert hat gegenüber der Uraufführung in Toronto)? Mag sein. Doch Festspiele kennen kein Pardon. Hier zeigen die Daumen schnell nach unten.

Um ein Wunder, das nicht stattfindet, geht es auch in "Troilus und Cressida": um das Wunder der Liebe. Schon nach einer Nacht ist es vorbei, geschluckt vom Krieg, zerrieben zwischen den Fronten. Der 32jährige Stefan Bachmann, Salzburg-Debütant und Hoffnungsträger in Ivan Nagels Einjahres-Schauspielkonzept, hat für Shakespeares grelle, bitterböse Groteske Spielsituationen und psychologische Konstellationen von heute gesucht - und im Fall der jungen Liebenden (Sebastian Blomberg, Gesine Cukrowski) auch gefunden: eine coole, desillusionierte Generation, die an die großen Gefühle nicht mehr glauben kann, aber doch den letzten Rest Glückshoffnung zusammenkratzt. Ricarda Beilharz' Bühne im alten Stadtkino montiert in ein wuchtig-archaisches Ambiente von Wällen und Mauern ein hübsches romantisches Zitat: Die lange Spielrampe führt durch eine Wolkentür geradewegs ins Himmelblau. Fabelhaft die beiden Musiker: Mit Stimmhorn, Holzpfeifen, Akkordeon und befremdlich keckernden Gesängen, halb aus dem Urwald, halb von der Alm, avancieren sie, einem antiken Chor ähnlich, zu veritablen Mitspielern der Tragikomödie.

Auch für die Kriegsparteien hat sich Bachmann allerhand einfallen lassen. Als schwer armierte Sportsfreunde, eine Gang von Footballspielern, marschieren die jungen Trojaner ein, Großmäuler und Kraftmeier allesamt, voran der martialische Muskelprotz Hektor (Michael Neuenschwander). Versteinert und vertrottelt dagegen die Griechen: hohles Establishment, Schwätzer, Zyniker - oder auch Schurken wie Josef Ostendorfs Achill, ein mörderischer Sumokoloß. Und über allem, über beiden Lagern liegt Bachmanns milder Spott.