Was gibt's Neues? Wer in diesen Tagen von den dänischen Inseln oder spanischen Stränden nach Hause zurückkehrt, erlebt die letzten Erregungswellen, die Michael Naumanns Ernennung zum Bundeskulturminister ausgelöst hat, und reibt sich die Augen. Was denn kann ein solcher Minister können, und was darf er dürfen? Und hat denn Gerhard Schröder die Wahl schon gewonnen? Und ist denn in diesen Wochen nichts Wichtigeres passiert?

Als Klaus Staecks Aktion für mehr Demokratie vergangene Woche zu einem "Ideentreff" nach Berlin einlud, als Schröder und Lafontaine und Freimut Duve und Naumann und die versammelten, mittlerweile ergrauten Traditionslinken von Oskar Negt bis Johanno Strasser die geistige Wende ausriefen, da türmten sich die Photographen übereinander, die Blitzlichter prasselten, und der glasüberwölbte Innenhof des Willy-Brandt-Hauses vermochte die Armada aus aller Herren Medien kaum zu fassen.

Offenbar nicht. "Auch Machtvermutung macht sinnlich", sagte Oskar Negt. Seine einleitende Rede klang nach dem Audimax ferner Tage. Er sprach vom Sozialdarwinismus der Ära Kohl; vom Abbau des Sozialstaates, der zum Flächenbrand geworden sei; von der Logik des Marktes, gegen den man die Kräfte der Aufklärung einsetzen müsse; von der sozialen Frage, die ins Zentrum einer neuen Kulturpolitik gehöre. Da war er wieder, der Kulturbegriff der SPD, der die Kunst und ihren unnützen Eigensinn ausschließt. Schon immer hat die SPD, haben die Linken gerne von der Kunst sozialpflegerische Dienste verlangt. Sollen jetzt die Lyriker gegen die Globalisierung antreten?

Und dann sagte Oskar Negt das Ende einer Ära voraus, das Ende einer furchtbaren Zeit. Nunmehr werde es gelingen, die kulturelle Hegemonie der Konservativen, die wie ein Alptraum über dem Land liege, endlich zu brechen.

Wach' ich oder träum' ich? Wo in diesem Land herrscht eine kulturelle Hegemonie der Konservativen? Ja, damals, als Kohl die geistig-moralische Wende ankündigte, als sein Innenminister Zimmermann 1983 allen Kulturschaffenden den Gefallen tat, vom Filmemacher Herbert Achternbusch eine Drehbuchprämie zurückzufordern, sah es so aus. Aber dann? Kohl hat das Historische Museum durchgesetzt, die Kollwitz-Plastik in die Neue Wache bugsiert, er hat Ernst Jünger besucht, sich bei Gelegenheit gerne mit Walter Kempowski unterhalten und gesagt: "In Hölderlin war ich immer gut." Daß er für die Errichtung des Holocaust-Denkmals plädiert, ist kein Zeichen konservativer Kulturhegemonie, es sei denn, man hielte ein solches Plädoyer für rechts, woraus folgte, daß Naumann, der gegen das Denkmal ist, links wäre.

Das war's. Unter Helmut Kohl hat es keine Wende, keinen geistigen Rechtsruck gegeben. Der Historikerstreit um die Einordnung von Auschwitz in die Geschichte des Jahrhunderts ging damals, vor rund zehn Jahren, zugunsten der Liberalen aus. Auch das Erscheinen des Sammelbandes "Die selbstbewußte Nation" (1994) und des heiß bekämpften Essays von Botho Strauß "Anschwellender Bocksgesang" (1993) war nicht die Wiedergeburt eines neuen Rechtsintellektualismus. Weder Botho Strauß noch Peter Handke sind in der Ära Kohl zu anerkannten Propheten einer anderen Zeit oder gar zu Staatsdichtern avanciert. Und wenn man die Versuche Revue passieren läßt, für konservative Positionen eine breitere Öffentlichkeit zu gewinnen, so wäre zum Beispiel an Michael Naumann zu erinnern, der mit Hilfe seines Mentors, des überzeugten Antikommunisten Melvin Lasky, die Zeitschrift Der Monat 1979 wiederbelebte und wegen mangelnden Erfolgs drei Jahre später einstellen mußte.

Diese Tatsache kann Oskar Negt unmöglich verborgen geblieben sein. Michael Naumann ist beim besten Willen kein Linker, und das hat er ja auch in Berlin gezeigt, als er in seiner Rede, auf Staecks und Negts linkes Revival antwortend, die europäische Kultur als die Wurzel der beiden größten Katastrophen dieses Jahrhunderts, des Kommunismus und des Nationalsozialismus, beschrieb und die verfolgten, vertriebenen Intellektuellen, nämlich die Dissidenten und Renegaten, als die Lichtgestalten einer dunklen Zeit. Indem er an die Märtyrer rechter und linker Ideologien erinnerte, folgte Naumann jenem Gebot der Äquidistanz, das Botho Strauß schon vor Jahren vergeblich angemahnt hat.