Bonner, die nach Berlin kommen, fühlen sich gelegentlich in die Nähe des äußersten Ostens versetzt - aus dem Umkreis von Paris, Brüssel und London in die Nähe von Prag, Warschau oder sogar Moskau. Sie müssen sich in einer Stadt einleben, in der manchem manches fremd erscheinen mag. Berlin hat eine andere Geschichte als Bonn. Rechtlich gehörte es vor der Wende weder zur Bundesrepublik noch zur DDR, faktisch teilte Ost-Berlin das Schicksal Ostdeutschlands, West-Berlin aber blieb, trotz enger Verbindung zu Westdeutschland, eine eigene Größe: Insel im Osten, Ausleger des Westens, ein dritter Platz in Deutschland.

Die Bedeutung einer Sache wird manchmal erst richtig klar, wenn man sie sich wegdenkt. Nehmen wir an, die Ost-West-Grenze wäre 1945 in Deutschland dort gezogen worden, wo die westlichen und die sowjetischen Truppen standen, als die Wehrmacht kapitulierte. Leipzig, Thüringen und West-Mecklenburg wären Teil der Bundesrepublik, ganz Berlin wäre Hauptstadt der DDR geworden; ein Berlin-Problem hätte es nicht gegeben. Was wäre uns dann erspart geblieben? Was hätten wir versäumt und entbehrt?

Ohne Berlin wären uns auch die Berlin-Krisen erspart geblieben. Da es keine Westinsel innerhalb des Ostens gegeben hätte, wäre der sowjetische Druck auf West-Berlin ausgeblieben. Stalin hätte die Stadt nicht elf Monate lang von aller Zufuhr zu Lande und zu Wasser abgeschnitten, die Amerikaner und Briten wären nicht zu der gewagten Luftbrücke genötigt worden. Chruschtschow hätte nicht vier Jahre lang West-Berlin mit Ultimaten berannt, die Westmächte wären nicht zu immer neuer Notfallplanung gezwungen worden: Sollten wir mit Panzern vom Bundesgebiet nach Berlin durchbrechen, wenn die DDR, von Moskau legitimiert, die Grenze sperrt? Und dürfen wir dabei, wenn es ganz ernst wird, taktische Atomwaffen anwenden? Auch die westdeutschen Politiker mußten sich zu solchen Fragen äußern; der Regierende Bürgermeister Brandt zeigte sich dabei härter als der Verteidigungsminister Strauß.

In Kennedys Umgebung wurde die Kriegsgefahr auf dreißig Prozent geschätzt; erheblich größer war sie, als die Berlin-Krise im Herbst 1962 mit der Kuba-Krise verschmolz. In einem Telephongespräch mit dem britischen Premier Macmillan beschrieb Kennedy den Zusammenhang: "Nimmt er (Chruschtschow) Berlin, nehmen wir Kuba. Wenn wir jetzt Kuba nehmen, werden wir mit Sicherheit das Problem haben, daß Berlin genommen wird."

West-Berlin war die Achillesferse des Westens, es war nicht zu verteidigen, mußte aber geschützt werden. Es verlangte daher Konzessionen an die Sowjetunion, manchmal auch Rücksicht auf die DDR. Um West-Berlin zu sichern, verhandelten die Westmächte von 1959 bis 1962 end- und ergebnislos mit der Sowjetunion und dachten sich immer neue Kompromißmöglichkeiten aus. Und um nicht immer wieder Schwierigkeiten wegen West-Berlin zu bekommen, suchten die Amerikaner, Briten und Franzosen zehn Jahre später den Dialog mit der Sowjetunion, die sich gesprächsbereit zeigte, weil auch sie den Ärger um die Stadt satt hatte.

Berlin zwang zur Rücksicht auf die Interessen des Ostens

Inzwischen bereiteten die Deutschen den vier Mächten Probleme, indem sie sich über Berlin stritten: Durfte der Bundestag an der Spree tagen? Durfte der Bundespräsident dort gewählt werden? Durfte die DDR nach Lust und Laune die Ampeln auf den Autobahnen auf Rot stellen und sich immer neue Gebühren für den Transit ausdenken?