München

Als den Soziologen zu uns nichts mehr einfiel, schrieb Douglas Coupland ein Buch über das "Vor-sich-hin-Leben" der Um-die-Zwanzigjährigen. Da atmeten die Soziologen auf, denn Coupland war etwas aufgefallen, nämlich, daß der Jugend nichts mehr einfällt. Und er hatte den richtigen Begriff dafür gefunden: Generation X, eine undefinierte Menge, die über eine allgemeine Funktions variable nicht hinauskommt. Fortan waren wir getauft aufs X.

In diesem Wahlkampf ist jedoch alles anders. Besonders die SPD hat es sich zum Ziel gesetzt, mit einer modernen Kampagne moderne Menschen zu gewinnen. Weil moderne Menschen für SPD-Strategen vor allem Internet-Menschen sind, hat die Partei eine höchstmoderne Homepage, von der aus man lustige Postkarten via E-Mail verschicken kann. Der Kanzler auf Postkarte murmelt: "Ich habe fertig" - kultig. Kohl und Waigel in "...denn sie wissen nicht, was sie tun" - eine Lachnummer. Im Kino-Spot fehlt Helmut Kohl die Energie zum upbeamen. Cool. Ironisch. Eben Spaß für die Spaß-Generation.

Ergebnis der Kampagne: Die Apokalyptiker fühlen sich nun sogar von der alten Tante SPD im Stich gelassen bei ihrem Feldzug gegen den Verfall. Inhaltsleere. Weltenende.

Einspruch, Euer Ehren. Natürlich sagen all die Gags nichts über Arbeitsplätze, Steuerkonzepte, innere Sicherheit. Aber wer sagt schon etwas darüber? Die Wahlprogramme? Ich bitte Sie! Die sollen doch nun gerade wirklich nichts aussagen! Programme sind schließlich wie Platten von Pink Floyd: Im Schrank machen sie sich gut, aber dort sollten sie auch bleiben, zumindest solange man nüchtern ist. Polemische Wahlwerbung dagegen kann so erregend sein wie ein Song von Tori Amos oder so zerstörerisch wie die Sex Pistols. Peter Hintze hat es vorgemacht. Seiner Rote-Socken-Kampagne gebührt ein Platz in der Ruhmeshalle. Sie hat damals den Gegner ins Mark getroffen und das eigene verquere Geschichtsbewußtsein entlarvt. Das Socken-Bild sagte mehr als tausend Worte.

Eine Welt ohne politische Handlungsspielräume reduziert den Wert von Politikerworten. Akteure zählen. Durchblick, Kraft, Stehvermögen sind wichtig, vielleicht sogar Charakterstärke. Deshalb ist der Personenwahlkampf so ehrlich. Er präsentiert Köpfe, und auf die kommt es an. Die Präsentation ist in diesem Wahlkampf endlich auch witzig. Den Apokalyptikern wird das nicht recht sein. Die Macht der Werbung - sie bereitet ihnen mindestens so viele Kopfschmerzen wie der Verfall der Jugend. Doch da unterschätzen sie uns gewaltig. Wer seit der Sesamstraße Fernsehen guckt, hat kapiert, daß Werbung unterhaltsam sein kann, aber nicht ehrlich sein muß.

Tanzt die Spaß-Generation also zu den Wahlurnen? Nun mal langsam! Kohl hatte sechzehn Jahre Zeit, um aufs Cover der Bravo zu kommen; er hat es nicht geschafft. Schröder wird es auch nicht packen. Joschka Fischer ist nicht jung, Claudia Nolte nicht wild. Ein Westerwelle-Starschnitt interessiert eher die Leserinnen der Neuen Revue als die der Bravo. Müntefering, der hätte vielleicht das Zeug zur Titelfigur, zumindestens seine Frisur.