Drastischer hätte der Kanzler nicht reagieren können. "Wenn Sie glauben", blaffte er vergangene Woche einen Fragesteller an, "ich würde die Bundeskasse noch einmal aufmachen, dann ist die Antwort nein." Helmut Kohl machte damit klar: Die Bundesregierung will eine neue Debatte über Entschädigungen für Zwangsarbeiter erst gar nicht hochkommen lassen. Viele Jahre schon hält sie an dieser Position fest. Bonn habe genug gezahlt, lautet das Argument. Im übrigen gebe es keine Grundlage für individuelle Ansprüche.

Des Kanzlers harsche Worte kontrastieren auffällig mit der Bereitschaft deutscher Industriekonzerne, sich der moralischen und auch der finanziellen Verantwortung nicht länger zu verweigern. Siemens, Volkswagen und BMW, um nur einige zu nennen, sind offenbar nun doch bereit, Entschädigung für die damalige Sklavenarbeit zu leisten. Jahrzehntelang hatten sie das blockiert. Die Prozesse und Debatten um Nazigold, Bankenschuld und Versicherungsbetrug haben den öffentlichen Druck enorm erhöht. Nach äußerst schwierigen Verhandlungen zeigten sich zuerst Schweizer Großbanken kompromißbereit. Sie wollen nun über zwei Milliarden Mark an Holocaust-Opfer zahlen. Vergangene Woche erklärte sich dann Italiens größter Versicherungskonzern, die Generali, bereit, rund 180 Millionen Mark für nie bediente Policen auszuschütten. In der Nacht zum Mittwoch dieser Woche folgte ein weiterer Durchbruch. Deutsche und andere europäische Assekuranzunternehmen, darunter erste Adressen wie die Münchner Allianz, die Winterthur und die Axa-Gruppe aus Paris, zu der auch die deutsche Colonia gehört, verständigten sich mit US-Aufsichtsbehörden und jüdischen Organisationen. Eine internationale Kommission soll nun Einzelheiten der Entschädigung fixieren. Das düstere Kapitel Zwangsarbeit kocht deshalb keineswegs zufällig hoch.

Die ersten Zwangsarbeiter kamen aus dem besetzten Polen. Zunächst lockten die Deutschen sie an, später wurden sie brutal deportiert. Die zweite Welle stellten Kriegsgefangene, nach den Polen vor allem Franzosen. Unternehmen hatten für sie sechzig bis achtzig Prozent der ortsüblichen Löhne an die Gefangenenlager, die sogenannten Stalags, abzuführen. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wurde auch der "Russeneinsatz" in der Kriegswirtschaft beschlossen. Das ökonomische Grundinteresse formulierte Hermann Göring so: "Ihr Einsatz und insbesondere ihre Entlöhnung müssen zu Bedingungen erfolgen, die den deutschen Betrieben leistungsfähige Arbeitskräfte billigst zur Verfügung stellen."

Je mehr Männer an der Front und in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten gebraucht wurden, desto wichtiger wurde "Nachschub" aus dem Osten für die deutsche Industrie. Der Historiker Herbert: "Gerade die im Durchschnitt sehr jungen Ostarbeiterinnen waren bei den industriellen Unternehmen seit 1943 begehrte Arbeitskräfte, weil ihre Arbeitsleistungen auffallend gut, ihre Löhne besonders niedrig waren und für sie die Schutzbestimmungen der deutschen Sozialgesetze nicht galten."

Die Welt der Zwangsarbeit haben die beiden Historiker Hans Mommsen und Manfred Grieger am Beispiel des Volkswagenwerks dargestellt. Der Grundstein für die Produktionsstätten im heutigen Wolfsburg wurde 1938 gelegt, rundherum wuchs die "Stadt des KdF-Wagens" aus dem sandigen Boden. Ohne ausländische Hilfe wäre das nicht möglich gewesen. "Von Anfang an", so Mommsen und Grieger, "stand das Volkswagenwerk an der Spitze der Ausländerbeschäftigung." Mit anderen Worten: Mehr als 11000 Ausländer schufteten unter menschenunwürdigen Bedingungen für VW und Nazideutschland. Schon bald bauten die Zwangsarbeiter nicht mehr das KdF-Auto für alle, sondern Kübelwagen, Panzer, Flugzeugteile, Bomben und alle möglichen Waffen.

Die ersten kamen noch freiwillig. Bautrupps aus Italien rückten nach der Grundsteinlegung im Mai 1938 an, angeheuert über die faschistische Gewerkschaft CFLI. Nach ihnen trafen verschleppte Polinnen mit ihren Kindern ein, "Ostarbeiter" aus der Ukraine, Kriegsgefangene Polen, Franzosen, Serben und Russen, Juden aus ganz Osteuropa sowie dienstverpflichtete Dänen und Belgier. Dazu kamen relativ früh die "Konzentrationslager-Arbeiter" aus Neuengamme, Bergen-Belsen, Dachau und Auschwitz, für die drei KZ-Außenstellen rund um das Werk eingerichtet wurden.

Aus dreizehn Ländern stammte schließlich die "Gefolgschaft" der VW-Werke. Der technische Direktor Otto Dyckhoff gab 1941 die Betriebspolitik vor: Deutsche sollten nur noch Facharbeiter sein, für die Bedienung automatisierter Maschinen könne man "primitivere Menschen aus dem Osten und dem Süden" einsetzen. Ende 1943 hieß es in der Betriebszeitung Das Volkswagenwerk, die Leistung der Ausländer sei nur dann befriedigend, "wenn sie von deutschen Menschen dauernd zur Arbeit angehalten und belehrt werden".