Vor zwei Jahren sorgte der bis dahin sicher nur wenigen bekannte Gitarrist Ernest Ranglin mit seinem Album "Below The Bassline" für eine Überraschung: Niemand hätte wohl geglaubt, daß die Interpretation jamaikanischer Klassiker der letzten vierzig Jahre durch ein akustisches Jazzquintett derart entspannt und aufregend zugleich sein konnte. Mit diesem Ansatz überzeugte auch das Folgewerk "Memories Of Barber Mack". Für neue Aufnahmen ist der mittlerweile 66jährige Gitarrist nun in den Senegal gegangen und läßt dort mit Unterstützung von Baaba Maals Band Jamaika und Westafrika aufeinander treffen.

"In Search Of The Lost Riddim" heißt das Werk. Und "Riddim" meint nicht allein Rhythmus, sondern bedeutet im jamaikanischen Jargon das von Schlagzeug und Baß vorgegebene rhythmische, meist auch melodische Grundmuster. Die Suche nach dem verlorenen Riddim also als Suche nach den Vorformen einheimischer Musik, in jener Gegend Afrikas, aus der die Vorfahren der Jamaikaner in die Karibik verschleppt wurden. Ein Vergleich zudem zwischen Gitarre und Kora, der Vorfahrin von Orpheus' Leier.

Geht Ranglin damit ein zu hohes Wagnis ein? Soll gar ein Ansatz zur Erfolgsformel gemacht werden, wie er etwa zuletzt die Wiederentdeckung kubanischer Musik eingeleitet hat? Weder noch. Im nachhinein scheint es vielmehr, als sei Ranglins Arbeit immer schon auf dieses Projekt hinausgelaufen.

Das jamaikanische, bis heute von Großkonzernen weitgehend unabhängige Musikgeschehen gilt weltweit als das produktivste: Nirgendwo sonst erscheinen - an der Einwohnerzahl gemessen - so viele Schallplatten. Wer "seriösen" Jazz von "trivialem" Pop und diese wiederum von der künstlichen Genrefindung "World Music" scheiden will, muß hier scheitern. Profis wie Ernest Ranglin haben von jeher ganz selbstverständlich in den verschiedensten Bereichen gearbeitet.

1948 wird der gerade sechzehnjährige Ranglin Mitglied einer Big Band. Während diese aber in Hotels für die Mittelschicht Jazz vom Blatt spielt, hört das breite Publikum der mobilen Discos in den Hinterhöfen aus den USA importierte, später vor Ort aufgenommene Rhythm-'n'-Blues-Platten. Um 1962, das Datum der Unabhängigkeit, wird in Jamaika der Ruf nach musikalischer Eigenständigkeit laut. Hier wie dort fordern Kulturpolitiker und Musiker die Überwindung von R-'n'-B- und Latin-Vorbildern - hin zu einer modernen Musik, die sich an der Folklore orientiert. Wohlgemerkt: eine moderne Musik und nicht eine Völkerkunde-Revue, die wieder nur die zu Touristen gewandelten Kolonialisten bedient. Anders als im Senegal läßt sich in Jamaika auf keine folkloristische Tradition zurückgreifen. Die Sklaverei ließ afrikanische Formen bestenfalls untergründig weiterleben.

Die entstehende Musikindustrie greift weitgehend auf Instrumentalisten aus den Big Bands zurück - allesamt professionelle Jazzer, von denen viele die Alpha Boys School durchlaufen haben, wo Jungen für Polizei- oder Militärorchester ausgebildet werden (Ranglin zum Beispiel findet zwischenzeitlich Anstellung im Rundfunkensemble). Ihre Schulung aber erhalten diese Musiker bei einem Mann namens Count Ossie, dessen Ende der vierziger Jahre gegründete Kommune sich zu einem Fixpunkt der Rastafari-Bewegung entwickelt. Dort arbeitet er mit seinen Trommlern frühzeitig an der Rekultivierung westafrikanischer Rhythmik. Ossies Lehrmeistertätigkeit beschränkt sich nicht auf die Kingstoner Jazzszene: aus den USA kommen unter anderem Duke Ellington und Randy Weston zu Besuch.

Ranglin ist an einem der wenigen einheimischen Jazzwerke beteiligt (dem zur Unabhängigkeit eingespielten "Jazz Jamaica From The Workshop"), geht 1963 nach London, arrangiert den Hit "My Boy Lollipop" und hat zugleich ein neunmonatiges Jazzengagement, das ihm eine Nominierung zum besten Gitarristen des Jahres einbringt. In Jamaika gibt inzwischen der Ska den Ton an: eine für Außeneinflüsse offene, zugleich ganz eigenständige Musik. Rauh, dynamisch, an das breite Publikum gerichtet und von der Mittelklasse argwöhnisch als "Ghettomusik" apostrophiert. Charakteristisch für den Ska ist die durchlaufende, den Offbeat betonende Rhythmusgitarre - ironischerweise gilt Ernest Ranglin als der Erfinder jenes verdoppelten, wie im Echo angeschlagenen Akkords, der bis heute unter Rockmusikern fälschlich für das entscheidende Element karibisch angehauchter Sommerhits gehalten wird.