Alle Jahre wieder, am Tage Mariä Himmelfahrt, findet in Siena das große Volksfest, der Palio delle Contrade, statt. Ein Pferderennen, dessen Tradition bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht und das auf einem der schönsten Plätze Italiens, der muschelförmig angelegten Piazza del Campo, ausgetragen wird.

Es ist ein farbenprächtiges Bild, wenn die Fahnenträger in mittelalterlichen Kostümen aufziehen und ihre Flaggen kunstvoll durch die Lüfte wirbeln, Bürgergarden mit Hellebarden den von Ochsen gezogenen Karren flankieren, auf dem die Madonna thront. Jedes Stadtviertel (Contrada) schickt ein eigenes Pferd ins Rennen, für das die Bürger ein Jahr gesammelt haben und das am Vorabend des Festes vor dem Altar der jeweiligen Pfarrkirche zusammen mit seinem Reiter geweiht wird. Touristen aus aller Welt stehen dicht gedrängt auf der Piazza, und wer einen Fensterplatz in einem der Paläste gemietet hat, kann sich besonders glücklich schätzen. Dann schmettern Fanfaren und kündigen das Erscheinen der Reiter an.

Die Pferde, meist Vollblüter, werden ungesattelt geritten. 333 Meter lang ist die mit hartem Tuffsand aufgeschüttete Rennstrecke und führt im Kreis an den äußeren Rändern der Piazza entlang. Dreimal muß die Strecke im Galopp genommen werden, und nach etwa achtzig Sekunden ist das Rennen auch schon wieder beendet.

Der Kurve von San Martino gilt die größte Aufmerksamkeit des Publikums, hier lauert der Kitzel. Wenn es zum Drama kommt, dann hier: Die Kurve von San Martino ist auf einer Distanz von fast vierzig Metern eine dreieinhalb Meter tief abfallende Rechtskurve, beinahe ein rechter Winkel unmittelbar vor dem majestätischen Stadtturm des Palazzo Pubblico. Nah beieinander galoppieren die zehn Pferde mit sechzig Sachen in dieses Loch, aus dem herauszukommen nur extreme Schräglage hilft.

Und dann passiert, was in der Kurve von San Martino noch fast bei jedem Rennen passiert ist und worauf die Kameras des Fernsehens längst fixiert sind: Ein Pferd schafft es nicht, donnert mit seinem vierhundert Kilogramm schweren Leib gegen die Planken, wirft im Sturz den Reiter ab und reißt ein halbes Dutzend zum Schutz über die Leitplanken gelegte Matratzen mit sich, unter denen begraben das Pferd am Boden schließlich liegenbleibt.

Der Sturz löst - wie ein Zusammenstoß auf der Autobahn - eine Kette von Auffahrunfällen aus. Nachfolgende Pferde stürzen, überschlagen sich, versuchen mühsam, sich aufzurichten, schleppen sich hinkend weiter, brechen endgültig zusammen. Nur wenige Reiter entkommen dem Chaos. Einen Sieger hat der Palio noch immer zu feiern gehabt. Auch an diesem Tag wieder, der vom Blaulicht der Pferdeambulanzen beherrscht ist.

Für die Weiße Feder kommt jede Hilfe zu spät. Die Stute wird noch auf dem Campo eingeschläfert. Der Wallach Tuareg schafft es, noch drei Tage in der örtlichen Pferdeklinik zu überleben, ehe auch er verendet.