Osama bin Laden, der saudische Multimillionär, gilt seit den amerikanischen Luftangriffen auf seine Ausbildungslager südöstlich von Kabul innerhalb der islamistischen Terrorszene als Held und Führungsfigur. Bin Laden kam in den achtziger Jahren nach Afghanistan und kämpfte in den Reihen der Mudschahidin gegen die sowjetische Besatzung (1979 bis 1988). Als vor vier Jahren der Widerstand der Taliban gegen die Willkürherrschaft der Mudschahidin begann, wurde bin Laden ihr Vertrauter und einer ihrer Finanziers. Diese Freundschaft erklärt, warum die Taliban bin Ladens Aktivitäten in Afghanistan bislang dulden - trotz heftiger Proteste auch Saudi-Arabiens, des wichtigsten Geldgebers der Taliban.

Diese sind allerdings keineswegs antiwestlich. Aus politischen und wirtschaftlichen Gründen sind die Taliban an guten Kontakten vor allem zu den USA interessiert. Dabei geht es um den Bau einer Erdgas-Pipeline von Turkmenistan über Afghanistan nach Pakistan. Die kalifornische Gesellschaft UNOCAL will hierfür zwei Milliarden Dollar in Afghanistan investieren. Auch eine argentinische Firma bemüht sich um den Auftrag.

Nur so sind die Aussagen von Taliban-Vertretern im afghanischen Außenministerium zu verstehen, die kurz vor dem amerikanischen Angriff am 20.

August erklärten, das "Problem bin Laden" sei "zu lösen". Doch angesichts der antiamerikanischen Emotionen nach dem Luftschlag dürfte die Lösung des Problems auf unbestimmte Zeit vertagt sein.

Die Taliban entstanden im September 1994, fast aus Zufall. Der Dorfprediger Mullah Mohammed Omar wollte Überfällen ein Ende bereiten, denen seine Anhänger auf dem Weg in seine Koranschule westlich der Stadt Kandahar ausgesetzt waren. Er scharte Gleichgesinnte um sich, die erfolgreich lokale Warlords und Wegelagerer aus den Reihen der Mudschahidin bekämpften. Zu ihrer eigenen Überraschung gelang es ihnen, im November 1994 Kandahar zu erobern.

Offenbar sehnten sich die Afghanen nach einem Erlöser, und der heute etwa vierzigjährige Mullah Omar, der als charismatisch und unbestechlich gilt, schien der richtige Mann zur richtigen Zeit.

Nach diesen ersten Erfolgen wurde der pakistanische Inlandsgeheimdienst auf die neue Bewegung aufmerksam und begann, sie militärisch und logistisch zu unterstützen. Die Taliban rekrutieren sich fast ausschließlich aus dem afghanischen Mehrheitsvolk der Paschtunen, die in den Stammesgebieten im Nordwesten Pakistans eine einflußreiche Minderheit bilden. Islamabads Kalkül: Ein propakistanisches Regime in Kabul würde die Autonomiebestrebungen der Paschtunen im eigenen Land schwächen und Pakistans geopolitische Position im Umfeld der neu entstandenen zentralasiatischen Staaten stärken, für die Afghanistan als Transitland für Öl und Erdgas wichtig ist.