Das ist ein bemerkenswertes Buch: eine gescheite, analytisch kühle, aber gleichwohl engagierte Beschreibung dessen, was nicht nur in diesem Wahlkampf auf der politischen Bühne zu sehen ist. Dem Politikwissenschaftler Thomas Meyer, Direktor der Politischen Akademie der Friedrich-Ebert-Stiftung und Mitglied der Programmkommission der SPD, ist es mit einem großen Essay gelungen, wie in einer Röntgenaufnahme die Gesetze sichtbar zu machen, nach denen heute Öffentlichkeit und, zu einem großen Teil, auch Politik gemacht werden.

Was der Autor sich vorgenommen hat, ist nichts weniger als die Rekonstruktion des alten Ideals der politischen Rhetorik als Richtschnur für politische Massenkommunikation unter veränderten Bedingungen. Bei Aristoteles und Cicero kann man nachlesen, was gute öffentliche Rhetorik ausmacht, nämlich die "klassische Einheit von überzeugendem Argument, Übereinstimmung mit den Lebensweisen des Publikums und der Erregung starker Gefühle". Die politische Rhetorik beschreibt und betreibt eine produktive Beziehung zwischen Theater und Politik, bei der beide bleiben, was sie sind, und einander bereichern sie beschreibt auch die Alternative zu jener Als-ob-Politik, bei der "viele aus Leibeskräften inszenieren, aber kein Stück mehr erkennbar ist, das gegeben wird".

Aber kann diese Rekonstruktion der politischen Rhetorik heute noch gelingen, nicht nur als theoretische Übung, sondern auch in der politischen Praxis, angesichts all der Veränderungen, die Meyer so eindringlich beschreibt?

Zwei Voraussetzungen nennt er dafür, und sie sind zugleich die kritischen Punkte, an denen sich entscheidet, ob Politik sich auf der öffentlichen Bühne noch mit einem eigenen, eigenständigen Stück behaupten will oder sich längst schon damit abgefunden hat, sich nur noch hinter den Fassaden gleichsam selbst abzuwickeln. Die Annäherung an das Modell einer deliberativen Öffentlichkeit setze ein "entgegenkommendes Kommunikationsangebot der Politik und ein Mindestmaß an Inszenierungsdisziplin der Medien voraus". Mit etwas einfacheren Worten: Demokratie braucht Politiker, die etwas zu sagen haben - und Medien, die darüber berichten.

Was aber geschieht, das ist die Frage, wenn Politiker und Parteien zu den wichtigen Fragen lieber schweigen und die Medien lieber über unwichtige, aber unterhaltsame Dinge reden wollen und so den öffentlichen Raum entpolitisieren? Wenn die Akteure und Regisseure des politischen Theaters aus unterschiedlichen Motiven, aber mit der gleichen Wirkung, zur Politik nichts mehr zu sagen, zu einer öffentlichen Debatte nichts mehr beizutragen wagen?

Was könnte dann die lautlose Erosion der Demokratie noch aufhalten?

Das Buch von Thomas Meyer ist geschrieben mit Skepsis, doch nicht ohne Hoffnung. Es will mithelfen zu verhindern, was da kommen könnte, nämlich "eine scheinbar gewaltfreie, in Wahrheit aber machtvolle Austreibung des Politischen". Und er setzt auf das aufgeklärte Eigeninteresse der Akteure vor und hinter den Kulissen: Beide könnten auf Dauer kein Interesse haben an Inszenierungen, bei denen kein Stück mehr erkennbar ist. Politisches Theater so ganz ohne Politik bewegt am Ende keinen mehr, es verbreitet nur noch Langeweile.