Vor zwei Jahren wählte das amerikanische Nachrichtenmagazin Time Edward O. Wilson unter die 25 einflußreichsten Personen Amerikas - zu denen so bunte Vögel wie die Talk-Show-Königin Oprah Winfrey und der Stararchitekt Frank Gehry zählen. Den Ruhm verdankt der 69jährige Verhaltensforscher nicht zuletzt der Entdeckung der chemischen Kommunikation bei Ameisen, die ihn zu einer allgemeinen Theorie über die biologischen Grundlagen sozialen Verhaltens führte.

In seinem neuesten, in den USA kontrovers diskutierten Buch "Consilience" (die deutsche Fassung "Die Einheit des Wissens" erscheint Ende September im Siedler-Verlag) steigt der Soziobiologe von seinem Ameisenhügel herab, um das akademische Spezialistentum zu beenden. Auf das Fundament der Naturwissenschaften bauend, will er so diverse Fächer wie Volkswirtschaft, Soziologie, Kunstgeschichte oder gar Theologie unter einem Dach vereinen.

Für das gewagte Unternehmen offeriert Wilson ein simples Rezept: Wer sich mit Sozial- oder Geisteswissenschaften auseinandersetzt, soll sich in Zukunft auch von Humangenetik oder Evolutionsbiologie inspirieren lassen. Denn Staaten, Romane oder Religionen sind das Ergebnis menschlichen Handelns, und das ist stets ins Dickicht der Gene verstrickt. Selbst Hinweise für ethisches Handeln glaubt Wilson im menschlichen Erbgut zu erkennen.

Mit solchen Thesen hat sich der Forscher nicht nur Freunde gemacht. Zwar wird seinem redlichen Versuch, disparate Fächer zu vereinen, stets Achtung gezollt. Doch das Ganze sei mehr als die Summe seiner Teile, argumentieren die Kritiker. Zur Erklärung globaler Märkte zum Beispiel, wenden Ökonomen ein, tragen evolutionäre Betrachtungen nur wenig bei.

Anderen Zweiflern will die wichtigste Zutat nicht schmecken, die Wilson in seinem Kochbuch für die große Synthese empfiehlt: die Behauptung, daß weltweit zu beobachtende Phänomene wie das unterschiedliche Geschlechterverhalten oder das Inzestverbot genetisch bedingt seien. Eine solche Brachiallogik, bemängeln Kritiker, fuße auf bloßer Spekulation, solange das komplexe Zusammenspiel von Erbgut und Umwelt nicht aufgeklärt sei.

Der emeritierte Harvard-Professor gibt freimütig zu, daß vieles an seinem Programm noch offen ist. Im übrigen ist er Auseinandersetzungen gewöhnt: Als er Mitte der siebziger Jahre seine "Soziobiologie" veröffentlichte, wurden seine Ideen gar mit der nationalsozialistischen Rassenlehre in Verbindung gebracht. Derartige Anschuldigungen erhebt heute freilich niemand mehr die Ansichten Wilsons gewinnen mehr und mehr Anhänger. Vielleicht arbeitet die Zeit auch diesmal für die Vision des Ameisenkönigs.