Das Schreiben zwischen den Kulturen ist zu einem Kennzeichen der internationalen literarischen Szene geworden. Die deutschsprachige Literatur macht da keine Ausnahme. Jüdische, arabische, persische und türkische Autoren aus Deutschland und Österreich haben die Brüche und Synthesen, Mischungen und Trennungen geschildert, die sich ergeben, wenn Minoritäten ihre Kulturen zur Geltung bringen. Einige von ihnen haben sich weit über den Leserkreis ihrer Minderheitsgruppen hinaus einen Namen gemacht. Zu ihnen zählen Barbara Honigmann und Rafael Seligmann, Rafik Schami und Suleman Taufiq, TORKAN, Aras Ören und Emine Sevgi Özdamar. In ihren Texten behandeln sie das für unser Fin de siècle charakteristische soziale und intellektuelle Nomadentum. Deutsche Schriftsteller sind in den letzten Jahrzehnten viel gereist, haben mit postkolonialem Blick die spannungsreiche Beziehung zwischen unterschiedlichen Zivilisationen geschildert. Kaum einer von ihnen aber brachte die kulturelle und politische Gemengelage zur Sprache, die sich aus der Präsenz türkischer Minderheiten in deutschen Großstädten ergeben hat. Eine Ausnahme machte da Sten Nadolny mit seinem Roman "Selim oder Die Gabe der Rede" von 1990.

Ein vergleichbares und doch ganz anderes Buch ist Barbara Frischmuths "Die Schrift des Freundes". Es ist gleichzeitig Multikultur-, High-Tech-, Wien-, Liebes-, Gesellschafts- und Kriminalroman, voll von neuer Alltagsrealität, ihrer intellektuellen Durchdringung und traumhaften Verarbeitung. Die Figur im Mittelpunkt der Handlung ist Anna Margotti, eine 23jährige Wienerin, deren Vorfahren aus Norditalien stammen. Sie ist Computerspezialistin, ein Internet- und Cyberspace-Freak, zudem eine begabte Geschichtenerzählerin. In Zeiten von Rezession und Arbeitslosigkeit ist sie froh, eine Stelle gefunden zu haben, bei der sich ihr Programmiertalent entfalten kann. Das Projekt, an dem sie beteiligt ist, heißt Pacidius. Bei diesem "Befriedungs-"Unternehmen geht es um eine Auftragsarbeit des Innenministeriums: Mitglieder potentiell militanter ausländischer Minderheiten im Alpenstaat sollen per Computer erfaßt werden.

Daß Pacidius indirekt der Bespitzelung dient, merkt die Heldin erst, als sie selbst Objekt der Überwachung wird. Anna ist die Freundin jenes Ministerialrats Haugsdorff, in dessen Ressort Pacidius fällt. Haugsdorff, ein Metternich-Beamter, den es ins 20. Jahrhundert verschlagen hat, potenter Witwer, scharf auf Anna, auf ihren Körper wie auf ihre Geschichten. Er versteht sich als "Ruhestifter" und Protektor innerer staatlicher Sicherheit.

Sein Rivale wird der geheimnisvolle Hikmet Ayverdi

er und Anna verlieben sich heillos ineinander. Hikmet gehört der türkisch-islamischen Religionsgruppe der Aleviten an, einer antidogmatischen Richtung, die mit sunnitischen Fundamentalisten ihres Landes im Clinch liegt. In Österreich in die Rolle des Fremden gedrängt, besinnt er sich auf seine Herkunft und lernt die arabische Schrift, wodurch ihm alte Quellen der türkischen Literatur und Philosophie zugänglich werden.

Nach den ersten Begegnungen mit Anna verschwindet Hikmet plötzlich auf unerklärliche Weise. Um verfolgten alevitischen Freunden zu helfen, verleiht er seinen Paß und muß sich verstecken. Bei der Suche nach ihm macht die politisch unerfahrene junge Frau so viele Fehler, daß sie Haugsdorffs Spitzel, die Hikmet für einen illegal eingewanderten Extremisten halten, gegen ihre Absicht auf seine Spur setzt. Am Ende ist die ohnehin brüchige Freundschaft zum Ministerialrat gescheitert, und Hikmet wird durch "ruhestiftende" Polizisten in den Tod getrieben. Neuen Halt findet Anna in der Freundschaft zu zwei in Wien lebenden türkischen Frauen, deren Männer ebenfalls Opfer im Krieg der Kulturen wurden. Diese Schlußkonstellation überlebender und sich gegenseitig helfender Frauen ist auch aus anderen Romanen der Autorin - etwa der Demeter-Trilogie - bekannt.

Das Tempo des Erzählens wird durch die jeweilige Handlungssituation bestimmt: Scheherezadehaftes Fabulieren wechselt ab mit Traumsequenzen oder mit Gesprächen über die anatolisch-alevitische Kultur, über arabische Kalligraphie und die Mystik der Derwische. Das Ganze endet als Kriminalgeschichte, an deren Spannung sogar eine Agatha Christie ihre Freude gehabt hätte.