Das ist sein Zirkus. Schließlich hat Timon in den vergangenen Tagen keine Nachmittagsvorstellung versäumt, und jetzt kennt er alle Darbietungen bis ins Detail. Er weiß, wann die Pferde sich um die eigene Achse zu drehen haben, er sagt die Lichtwechsel voraus und dirigiert die Märsche mit. Keine Abweichung vom Programm entgeht dem Achtjährigen. Besonders nervös macht ihn der Auftritt des Messerwerfers Ricardo, weil er von dessen Schulterverletzung gehört hat.

Vor fünf Tagen ist Timon von Berlin nach Augsburg gereist. Seine Eltern, die ihren Urlaub am Bodensee verbringen, haben ihn zum Zirkusgelände am Augsburger Stadtrand gefahren. Eine Woche lassen sie ihren Sohn hier Ferien machen, gemeinsam mit fünfzig anderen Kindern im Alter von sechs bis fünfzehn Jahren. Die Kinder kommen aus ganz Deutschland und übernachten in kleinen Zelten am Rande des Zirkusgeländes. Tagsüber gehen sie zum Reitkurs, üben Jonglieren und Balancieren, Akrobatik und Clownereien. Kurz vor 15 Uhr aber, wenn die Zweimannkapelle den ersten Marsch spielt, zieht es Timon ins Hauptzelt des Zirkus Barelli mit den 1600 Sitzplätzen, zu den Vorführungen der Profis. Und am letzten Tag der Campwoche werden er und die anderen Kinder selbst in der Manege stehen und vor ihren Eltern auftreten.

"Kinder im Zirkus" heißt das Ferienprojekt, das der Geschäftsmann Bernard Counil organisiert hat. Der Gastronom aus Aschaffenburg übernahm die Idee von einem Vorgänger. Counil berechnet jedem Ferienkind 324 Mark für eine Woche Zirkusaufenthalt. Davon muß er die Betreuer der Kinder bezahlen und die vierzig Angestellten des Zirkus Barelli, der seine Tournee für dieses Projekt unterbrochen hat. Counil ahnt, daß sich das Ferienprogramm diesmal für ihn nicht rechnen wird. Aber er ist entschlossen, Zirkusurlaub in Augsburg zu etablieren und auch im nächsten Jahr anzubieten.

Timon ist davon überzeugt, in den vergangenen Tagen seinen Traumberuf entdeckt zu haben. "Ich will später selbst mit einem Zirkus durch die Welt ziehen und viele verschiedene Menschen kennenlernen", sagt er. Noch hat er sich nicht entschieden, welche Rolle er dann in der Manege übernehmen möchte, ob die des Zauberers oder des Jongleurs. Immerhin kann er schon einen Plastikteller auf einem Stock kreisen lassen. Was er aber im Zirkus Barelli vermißt, sind Tiger und Löwen. Die haben die Barellis in ihrem Stammquartier in Belgien zurückgelassen, und jetzt muß Timon die leidliche Spannung genügen, wenn ab und an ein Pferd ausreißt. Die Ferienkinder Lukas und Andreas hatten gehofft, einem Nashorn jeden Morgen das Horn glattzufeilen.

Nun haben sie mit dressierten Kamelen und Lamas, mit Hunden, Ziegen und Ponys vorliebzunehmen.

Wie die meisten Campkinder hat auch Timon seine Lieblingsartisten. Willi gehört dazu, der auf einem Turm aus Holzstühlen turnt, auch Clown Timmy, dem die Mädchen aus dem Ferienlager täglich Liebesbriefe vor den Wohnwagen legen.

Einen Favoriten hat Timon eigentlich nicht. Doch, vielleicht Ramona, die vor der Aufführung Popcorn verkauft und in der Show den Glanzpunkt als Reiterin der Hohen Schule setzt. Ramona Spindler-Barelli ist die Direktorin des Familienbetriebs Barelli. Die 23jährige nennt sich jüngste Zirkusdirektorin der Welt - solange niemand Einspruch erhebt. Sie strahlt routiniert, wenn sie in der Manege ihren Hengst Rasta reitet. Doch mit ihren Feriengästen sind sie und ihre Familie nur selten zusammen. Vielleicht empfinden sie die erstmals durch die Zelte tobenden Kinder auch als Zeichen des Niedergangs ihres Traditionsunternehmens.