Die Würde des Menschen ist unantastbar - auf diesem Imperativ beruht nicht nur unser Grundgesetz, sondern die demokratische Zivilisation schlechthin. Doch was ist eigentlich "die Würde des Menschen"? Versucht man sie zu definieren, stellt man rasch fest, wie vage, relativ und widerspruchsvoll ihr Begriff ist.

Die Debatte um die Essenz der Menschenwürde spitzt sich zu im Streit um Humangenetik und Sterbehilfe. Ist die Erhaltung menschlichen Lebens ein absolutes ethisches Ziel, oder gehört die Freiheit des Individuums, über das Ende seines Lebens entscheiden zu können, zur Voraussetzung seiner Würde? Und was ist überhaupt das Wesensmerkmal menschlichen Lebens? Ist es zulässig, manipulativ in den Zeugungsprozeß und den genetischen Aufbau eines menschlichen Wesens einzugreifen? Wäre ein menschlicher Klon nicht schon im Ansatz seiner Menschenwürde beraubt?

Das Problem bei solchen Auseinandersetzungen ist, daß in ihnen die unterschiedlichsten ethischen und philosophischen Definitionen von menschlicher "Wesenswürde" aktualisiert werden. Anlaß genug, kategoriales Licht in das argumentative Durcheinander zu bringen. Franz Josef Wetz tut das in seiner Studie mit der Kompetenz, analytischen Unaufgeregtheit und stilistischen Klarheit, die man sich von einem wissenschaftlichen Standardwerk wünscht.

Rein faktisch betrachtet, ist die Unantastbarkeit der Menschenwürde eine Fiktion. Überall sind Mord, Gewalt und Demütigung des Schwächeren an der Tagesordnung. Trotz der Festschreibung elementarer Menschenrechte in der Charta der Uno haben staatlich organisierte oder sanktionierte Übergriffe, Folter, Massenrepression und "ethnische Säuberungen" weltweit nicht nachgelassen. Doch je brutaler die Menschenwürde mit Füßen getreten wird, um so stärker wird ihre Unverzichtbarkeit empfunden. Offenbar gibt es einen alle historische und kulturelle Prägung übergreifenden Konsens darüber, daß menschliches Leben ohne "Würde" unerträglich sei.

Dabei befindet sich der Inhalt dessen, was darunter zu verstehen sei, historisch und ideengeschichtlich im ständigen Fluß. Für die griechischen und römischen Philosophen war die Würde im wesentlichen kein ererbter menschlicher Besitz. Sie mußte erst durch ein sittlich richtig geführtes Leben erworben werden. Sklaven oder haltlose Menschen hatten keine Würde. Die christliche Lehre verstand die Würde dagegen als ein jedem Menschen von Gott zugedachtes, unveräußerliches Geschenk. Damit war die Vorstellung verbunden, daß sie sich nicht an weltlichen Kriterien messen ließe. Die wahre Würde sei nicht von dieser Welt.

Das frühneuzeitliche Denken von Humanismus und Renaissance deutet die qua Würde gegebene Gottähnlichkeit des Menschen freilich in eine Lizenz um, sich als innerweltlicher Schöpfergott gebärden zu dürfen. Erst die Aufklärung erhebt die Entfaltung der Menschenwürde endgültig in den Rang eines rechtlichen Anspruchs jedes einzelnen Individuums. Menschenwürde und Menschenrechte scheinen heute in einem unabtrennbaren Bedingungsverhältnis zueinander zu stehen.

Seit dem 19. Jahrhundert war die Debatte über die Essenz der Menschenwürde von einem ideologisch motivierten Wertestreit überlagert: der zwischen Liberalismus und Sozialismus etwa. Die Frage, ob die individuelle Freiheit höher stehe als die soziale Chancengleichheit oder umgekehrt, ist auch heute noch voller Zündstoff. Die Kontrahenten begründen ihre jeweilige Präferenz gerne mit dem emphatischen Hinweis auf die Menschenwürde. Das führt zu einer Inflationierung des Würdearguments, zumal sich seit einigen Jahrzehnten der Anspruch auf religiöse und kulturelle Autonomie ausweitet. Ist die Menschenwürde gefährdet, wenn in bayerischen Schulklassen per Gesetzesdekret Kruzifixe verboten werden, obwohl sie einen Teil bayerischer "Identität" bilden? Gehört es nicht zur Würde des Menschen, den Geboten "seiner" Kultur und Religion treu bleiben zu dürfen? Was aber, wenn zu diesen Geboten auch die Klitorisverstümmelung gehört? Universale Rechtsnormen und ein "interkulturell" erweiterter Würdebegriff treten hier in einen unaufhebbaren Konflikt.