Die Freiheit der Verzweifelten bleibt unangetastet: Man kann sich in Sibirien auf die Schienen der Fernbahn setzen. Man kann an den Europarat in Straßburg schreiben. Man kann resigniert in den Hungerstreik treten oder in die illegale Wirtschaft wechseln. Doch gegen die Misere von Millionen richten solche Protestaktionen nach wie vor wenig aus. Auch im siebten Jahr der Wirtschaftsreformen erhalten Kumpel und Lehrer, Arbeiter und Rentner ihr Geld oft erst mehrere Monate verspätet.

Der Markt heiligt die Mittel. Die Reformen greifen zwar nicht, aber öffentliche Aufgaben und Infrastruktur werden der Sintflut überlassen.

Tausende von Dörfern sind inzwischen von Strom, Buslinien, Krankenversorgung und Postzustellung abgeschnitten. In Rußlands fernem Osten gibt es Licht und Wärme nur noch stundenweise.

In der Staatskasse fehlen Milliarden an Steuereinnahmen, Wirtschaftsunternehmen rechtfertigen ihre Steuer- und Lohnschulden mit Zahlungsrückständen ihrer Klientel. Das Beispiel Tatenergo illustriert die Zustände, für die bislang kein Reformpolitiker zur Verantwortung gezogen wurde: Der Energiekonzern Tatarstans, einer der autonomen Republiken in Rußland, nahm am 1. Dezember 1997 mit knapp 60 Milliarden Rubel den elften Platz unter den größten Steuersündern des Bundeshaushalts ein. Der Rentenversicherung schuldete das Unternehmen fast 180 Milliarden Rubel, den Beschäftigten etwa halb soviel. Für "reales Geld" wickelte Tatenergo nur zwei Prozent seines Umsatzes ab - weniger, als für die Auszahlung der Löhne notwendig gewesen wäre. Der Löwenanteil des Geschäfts lief - wie fast überall in Rußlands produktiven Sektoren - auf der Basis von Warenkrediten und Verrechnung gelieferter Investitions- oder Konsumgüter.

Im Windschatten der Globalisierung und Liberalisierung nach westlichen Vorstellungen verfestigten sich in der Reformperiode vormoderne und postsowjetische Wirtschaftsbeziehungen. Durch die Ausschaltung offizieller Zahlungsmittel haben Unternehmen und Haushalte den völligen Kollaps der Wirtschaft verhindert, aber auch die Hoffnung auf Wachstum und Wohlstand untergraben. Zahlungsmoral und Zahlungsunfähigkeit lassen sich nicht mehr unterscheiden.

Rußlands Lage am Ende des Jahrzehnts wurde an dessen Anfang programmiert.

Damals plädierten erfahrene Experten der postsowjetischen Wirtschaft, Reformkommunisten und "rote Direktoren" für einen langsamen, vom Staat kontrollierten Übergang zur Marktwirtschaft. Sie wollten so den Lernprozeß Ungarns und Polens mit Preisreformen und Privatinitiative nachholen.