Musik scheint für den Architekten Jean Nouvel etwas sehr Mysteriöses zu sein - ganz weit weg vom realen Leben, eine abgekapselte Kunst, nicht einfach zu erreichen. Wer auf der Dachterrasse seines neuerbauten Luzerner Kultur- und Kongreßzentrums steht, kann die hölzerne Außenfläche eines geheimnisvollen Hohlkörpers berühren. Wie der Bauch eines mächtigen Musikinstruments wölbt sie sich: Es ist der Konzertsaal. Wer ihn betreten will, muß über schwarze Marmortreppen, die von kleinmaschigen, flirrenden Metallnetzen begrenzt sind, in ein dunkelrot leuchtendes Foyer mit niedrigen Decken hinabsteigen und schließlich schwarze, lichtlose Schleusen durchschreiten. Der Weg zur Musik: eine Passage in eine andere Welt, ein Ritualgang der inneren Reinigung für jeden Konzertbesucher.

Nouvel hat ein Faible für solche theatralischen Inszenierungen. Irritierend sind seine Details, kühn ist seine Formensprache: das riesige Dach, das wie ein umgelegtes Fallbeil in die Luzerner Berglandschaft schneidet, die schwarze, aus Quaderformen zusammengepuzzelte Außenfassade, die jeden repräsentativ leuchtenden Glanz verweigert, eine Blackbox für die Kunst (siehe auch ZEIT Nr. 34/98 und 35/98). Aber wer in Luzern schließlich das Allerheiligste betritt, erlebt eine kleine Überraschung - überall vertraute Proportionen. Ein langgezogener, schmaler, hoher Raum, umlaufende Balkone, leicht ansteigende Parkettstuhlreihen. Kein Konzertsaal aus einer anderen Welt.

Draußen hat Nouvel seiner Phantasie freien Lauf gelassen, aber im Herzen seines neuen Gebäudes, im Konzertsaal, dominieren ganz nüchterne Gesetze - die des amerikanischen Akustikgurus Russell Johnson. Der vermißt seit vierzig Jahren Räume, in denen Musik aufgeführt wird, hört auf Nachhall und Volumen, Balance und Farben und hat irgendwann festgestellt, daß die alten Konzertsäle aus dem vorigen Jahrhundert einfach nicht zu übertreffen sind. Der Wiener Musikvereinssaal, das Concertgebouw in Amsterdam, die Tonhalle in Zürich oder die Musikhalle in Hamburg - sie alle sind Quadersäle, haben die Form einer "Schuhschachtel" mit umlaufenden Seitenbalkonen, die den Schall optimal reflektieren. Auch der Stuckzierat wirkt sich günstig aus: Er bricht und streut den Klang. Deshalb hat Johnson auch im neuen Luzerner Bau von Nouvel auf dieser bewährten Architektur bestanden: Nicht mehr als 1840 Sitzplätze dürfe der Saal haben. Aufgerauhte ornamentierte Wandflächen seien unabdingbar. Gips als Oberflächenmaterial müsse sein. Nouvel hat sich diesen Vorgaben - nach manch leidenschaftlicher Auseinandersetzung, wie man hört - gebeugt und sich auf deren optische Ausgestaltung beschränkt. Streifen in unregelmäßigem Lochkartenmuster ziehen sich um die Brüstungen der vier Ränge.

Die Wände bestehen aus kleinkarierten Gipsreliefs. Der Saal ist im Gegensatz zu den dunkel raunenden Farben der Foyers ganz weiß geblieben.

So ist im neuen, spektakulären Luzerner Kultur- und Kongreßzentrum nicht der erste Konzertsaal fürs 21. Jahrhundert entstanden, sondern der letzte des 19.

Jahrhunderts, perfektioniert mit den Mitteln moderner Technik. Nicht für die Klang-Raum-Visionen der Komponisten unserer Tage von Luigi Nono bis Karlheinz Stockhausen hat Nouvel ihn erdacht, sondern für die herkömmlichen Symphoniekonzerte, die bei den Luzerner Festwochen programmatisch nach wie vor das Maß aller Dinge sind.

Allerdings hat sich der Akustiker Johnson noch ein paar zusätzliche Raffinessen einfallen lassen. Mit einer absenkbaren, zweitgeteilten Schalldecke über dem Podium kann man die Klangbalance innerhalb des Orchesters beeinflussen. In die oberen Seitenwände des Saales sind Echokammern eingelassen, die sich stufenlos öffnen lassen und den Nachhall um bis zu zwei Sekunden verlängern.