Vor zwei Jahren habe ich noch nicht einmal gewußt, was Feng-Shui ist, heute werde ich fast nur mehr im Zusammenhang damit genannt", sagt Lothar Müller, der Bürgermeister von Massing. Gerade 4000 Bewohner zählt dieser Ort, dem Müller vorsteht, gelegen im tiefen Niederbayern, fünfzehn Autominuten vom Wallfahrtsort Altötting entfernt. Neben viel Landwirtschaft gibt es in und um den Marktflecken eine Fabrik für Betonfertigteile, ein sehenswertes Bauernhausmuseum und, im Wald versteckt, bronzezeitliche Hügelgräber, um die sich bislang noch kein Archäologe gekümmert hat. Wahlen gewinnt hier die CSU regelmäßig mit runden 65 Prozent, neue Ideen, so räumen die Massinger selbst ein, haben es bei ihnen nicht leicht. Um so überraschender, daß derzeit in Massing erstmalig passiert, was in Deutschland, wenn nicht gar in Europa einmalig ist: Der Ort wird nach den Regeln der chinesischen Feng-Shui-Lehre erweitert.

Seit ein paar Wochen steht an Massings westlichem Ortsrand eine Bautafel. "In Harmonie wohnen mit Feng-Shui" ist darauf zu lesen. Hinter diesem Hinweisschild weiten sich saftige Wiesen zu einer Auenlandschaft entlang der Rott, an deren anderem Flußufer bewaldete Hügel sanft ansteigen. Vor vier Jahren wurde für diese Wiesen ein erstes, konventionelles Bebauungskonzept entwickelt: in rechtwinkliger Anordnung gerade verlaufende Straßen, an ihnen entlang Häuser, wie aufgereihte Klötze ins Terrain gepflanzt.

Kurz bevor die Bagger anrückten, hörte Massings neuer Bürgermeister zum erstenmal den Begriff "Feng-Shui": Alessandra Dylla, eine Münchner Architektin, hielt in Niederbayern einen Vortrag über die zwei Jahrtausende alte chinesische Lehre vom Erzeugen der Harmonie in und außerhalb von Gebäuden, basierend auf dem Ausgleich der Yin-und-Yang-Energien, zwei gegensätzlicher, aber einander ergänzender Kräfte des Kosmos.

Bürgermeister Müller, 53 Jahre alt, war davon derart angetan, daß er die Architektin zu einem Informationsgespräch mit dem Massinger Marktrat einludt.

Die Folge: Im August letzten Jahres beschloß das Gremium, "eine Untersuchung auf Erdstrahlen und Wasseradern und ihre Auswirkungen durchzuführen mit der Bereitschaft, die Ergebnisse in die weitere Planung einfließen zu lassen".

Am Ende der Untersuchungen stand ein völlig neuer Bebauungsplan, der "Störzonen, Kraftlinien und Energiefelder berücksichtigt und dazu beitragen soll, daß sich die Menschen in dem neuen Wohngebiet wohl fühlen".

So bemüht sich die neue Anordnung der Häuser und Straßenzüge, auf die verschiedenen, von Rutengängern gefundenen Energiezonen der Erde einzugehen: "Wir hatten beispielsweise Schwierigkeiten, eine diagonal durch das Baufeld laufende, rund zwanzig Meter breite Störzone von der Bebauung freizuhalten", erinnert sich der Bürgermeister. Im neuen Bebauungsplan ist jetzt eine Straße mit Vorgartenzone vorgesehen, um die sich herzförmig Straßen und Häusergruppen anordnen.