Korallenriffe, das klingt nach Unterwasserparadiesen an klaren, tropischen Küsten, fernab von Eisbergen und Mitternachtssonne. Doch es gibt einen Eskimo unter den Korallen, und dessen finsteres Reich erstreckt sich bis zum Nordkap. Lophelia pertusa haust am liebsten auf stockdunklem, kaltem Meeresboden.

Schon im vergangenen Jahrhundert berichteten nordische Fischer von Kalkskeletten, die sich in ihren Netzen verfangen hatten. Aus solchen Funden zeichneten Wissenschaftler in den zwanziger Jahren ein grobes Verbreitungsmuster. Dieses zu verfeinern ist das erklärte Ziel des Geologen André Freiwald von der Universität Bremen. Seit sieben Jahren fahnden er und seine Kollegen in der Arktis und im Nordatlantik nach Korallenriffen.

Ihr wichtigstes Arbeitsmittel ist ein Seitensichtsonar. "Wir ziehen das Gerät einige Meter über dem Grund entlang", erläutert Freiwald. "Das Sonar sendet dabei ähnlich wie ein Echolot Schallsignale aus und empfängt die rückgestreuten akustischen Signale." Ein Rechner im Schiff erstellt aus den Informationen eine Karte des Meeresbodens. "Tiefwasserkorallen gibt es entlang des gesamten nordwesteuropäischen Kontinentalrandes", sagt Freiwald.

Je weiter südlich, desto tiefer kämen sie vor. Zumeist handele es sich um isolierte Vorkommen. Bei günstigen Verhältnissen könne die Polarkoralle jedoch wie ihre tropischen Verwandten ausgewachsene Riffe und damit Lebensraum für bis zu 800 Arten bilden.

Westlich von Trondheim in Norwegen nahmen die Forscher ein solches Riff genauer unter die Lupe. Mit einem Tauchboot glitt Freiwald im vergangenen Jahr in etwa 260 Meter Tiefe durch ein 13 Kilometer langes, bis zu 45 Meter hohes Riff. "Die Korallen wachsen dort munter vor sich hin", freut sich der Geologe, "bis zu zweieinhalb Zentimeter im Jahr und damit genauso schnell wie im Flachwasser."

Lophelia kommt ohne Licht aus. Sie angelt nach Plankton

Dabei muß Lophelia ohne Licht auskommen, denn in dieser Tiefe ist es zappenduster. Tropische Korallen hätten hier keine Überlebenschance, sie sind zum Aufbau ihres Skeletts auf einzellige Algen angewiesen, die wiederum Licht als Energiequelle benötigen. Lophelia dagegen kommt ohne Algen und Licht aus.