Die Literatur geht weiter. Harold Brodkey ist tot. Während John Updike an seinem siebzehnten Roman arbeitete, hat er, beginnend mit einem Doppelschlag von weltliterarischer Souveränität, den zwei wuchtig-schlichten Sätzen "Ich habe Aids. Ich bin erstaunt darüber", die Geschichte seines Todes erzählt.

Der Titel seiner Todesgeschichte "Wild Darkness" stand für das flackernde Bewußtsein, das noch das Verlöschen des "biologischen Lichts" registrierte, in dem Brodkey gelebt, wahrgenommen und geschrieben hat. Den beiden zu Lebzeiten erschienenen Erzählungsbänden folgt nun der dritte posthum, so daß man den Sätzen mit seltsam verändertem Lesewinkel folgt, den feinfaserigen, mit der Lupe gewonnenen und den grobkörnigen, programmatischen: "Die Rhythmen von Krankheit und Schock und die Wahrheit Tod sind die Urbedingungen meines Lebens, und sie erzeugen eine Feenmusik."

Man lauscht einfach weiter. Und begreift erneut, welch wahnsinnige Geduld und Neugier diesen manischen Beobachter dazu trieb, sich in seinem poetischen Labor bis zuletzt über sich selbst zu beugen - eine Egozentrik europäischen Ausmaßes, wie sie nur ein narzißtischer, todessüchtiger, homo- oder hetero-, auf jeden Fall sexueller, rebellischer, jüdischer Amerikaner aufbringen kann.

Ein Besessener, der Erleuchtung in der Profanität, Religion im Diesseits sucht.

Mit ihrer oft vergeblichen, oft fast surrealen Genauigkeit destillieren diese letzten Erzählungen noch einmal die Essenz der Titelgeschichten von "Unschuld" und "Engel": die messianische Zündung in den gewöhnlichsten irdischen Verbindungen. Sie nennen noch einmal die biographischen Koordinaten, die die Fiktion abgesteckt haben: "Ich war ein unheimlich schwer traumatisiertes Kind. Ich war mißhandelt worden ... Ich war zweimal fast gestorben ... Mein Adoptivvater, Versager ... mein leiblicher Vater, der Analphabet ... (ich war adoptiert worden, weil meine Mutter gestorben war ...)."

Joe Brodkey ist wieder S. L. Silenowicz und stirbt gemächlich an einer Herzkrankheit

Doris Brodkey, deren langgezogener Krebstod die Jugend des Jungen prägte, ist wieder Lila, und Harold-Aarons Alter ego Wiley wird wieder erwachsen, ein früher Star in der New Yorker Künstlerszene.

Sich erinnern, heißt zerrissen werden

Anders als der Riesenroman "Die flüchtige Seele" wollen und müssen die Erzählungen den Fluß der Zeitsegmente und Bedeutungspartikel zerschneiden.

Drei einleitende Miniaturen (ein Frühling in New York, die Aufwachgedanken eines Todgeweihten in den Catskill-Bergen, das erste theologische Gespräch zweier verliebt-rivalisierender Jungen) deuten ein Motiv an, das der Titel der vierten Erzählung beim Namen nennt: "Erwachen". Der Moment, in dem die Reflexion in den Körper eindringt, das Ich definiert, zusammensetzt und zerstört, ist immer wieder Ausgangspunkt für den "Mathematiker-Denker-Spion, genannt Gedächtnis". Das kranke, vollgeschissene Kleinkind schlägt die Augen in einem neuen Haus auf, in einem Bett, umstellt von Stuhlrücken als provisorisches Gitter und wird von seiner Adoptivmutter gebadet: Erwachen, ein Geburtsvorgang. Der Halbwüchsige wird wie jeden Morgen von seinem todkranken Adoptivvater geweckt, beschwatzt, bedrängt: ein Inzestvorgang. Der Zehnjährige wird nach Little Rock verschickt und muß seinem Onkel, einem Mittelstandsversager und Emotionskrüppel, in den Arsch kriechen - Initiationsvorgänge, Einübungen in die Sohnesrolle, ein von Liebesschuld und Mitleidszwang bestimmtes Gewaltverhältnis, in dem sich der Junge, der das Leben vor sich hat, irgendeinem abhängigen Vater unterwirft, einem "lokalen, verwesenden Gebieter", der stolz ist auf den Rang eines sterbenden Mannes, "dieses Schicksal, diese Realität, die ich v on ihm erben würde" ... posthum liest sich das anders.

Obwohl die Erzählhaltung um so beruhigter und synthetischer wird, je älter der Protagonist der Erinnerungen ist, gehören die zehn Erzählungen in die mikroskopische Versuchsanordnung der "nahezu klassischen Stories". Die Freundin des Erwachsenen notiert in ihrem Tagebuch den Plot der vorletzten Geschichte: "Wir haben es nicht vom Wagen bis zum Cottage geschafft - wir haben auf dem Rasen gevögelt." Mit ihr besucht Wiley in der letzten Geschichte eine New Yorker Künstlerparty. Sie heißt Ora. Die Collegestudentin in "Unschuld" hieß Orra, und immer noch gilt das vielbeachtete poetologische Credo, das dort formuliert ist: "Ich mißtraue allen Zusammenfassungen, jedem raffenden Durchgleiten der Zeit, jedem zu hochgegriffenen Anspruch, unter Kontrolle zu haben, was man erzählt

ich glaube, wer zu verstehen behauptet, dabei aber ersichtlich gelassen bleibt, wer mit Emotion zu schreiben behauptet, diese Emotion aber nur gemächlich aus der Erinnerung holt, der ist einfach ein Narr und ein Lügner. Verstehen heißt zittern. Sich wirklich erinnern heißt wiedereintauchen und zerrissen werden."

Auch dies ist ein hochgegriffener - ein pathetischer Anspruch, den Harold Brodkey einlöst, weil und indem er auf höchstem Niveau scheitert. Er zittert und zerreißt auf seiner Suche nach der verlorenen Unmittelbarkeit. Er taucht ein in das, was er das "Schmerzkontinuum" nennt, und ruft aus: "Oh, ich erinnere mich. Oh, wie ich mich erinnere"

er beschwört den Leser: "Erinnern Sie sich an die Zeit, als Ihre Sinne und Ihr Verstand, der die Sinneswahrnehmungen identifizierte, als all das noch neu war?" - "Können Sie mir folgen?" Seine Metaphern sind wortgewaltig wie die von Arno Schmidt, wenn er den Mond besingt - "Silberrose", "Albino-Zifferblattgesicht". Mit buchstäblich allen Mitteln eines noch konventionellen, unmanierierten Erzählens untersucht er die "akuten Gefühle, vielteilig und zeitkodiert und fließend", den Moment im Kontinuum. Je näher er der Empfindung kommt, um so sicherer fällt er in die hauchdünne Leere, die zwischen Bewußtsein und Bewußtseinsinhalt klafft, und spannt eilig das Netz der Reflexion auf. Er schließt die Differenz zwischen Sinnlichkeit und Wort durch Wörter, mal hilflose - "als Kind sieht man so etwas, kann es jedoch nicht ausdrücken" -, mal metaphorisch prägnante: "Man erkennt die Dinge stets ein wenig später, nachdem sie aufgetreten sind

diese Synkopierung gehört zu dem Ratesaal, den der Geist darstellt, wenn etwas geschieht."

In seinem Versuch, schreibend ins Leben selbst zu schlüpfen, das Innere nach außen zu stülpen und das Äußere von innen zu betasten, zeigt sich Harold Brodkey nochmals als hellsichtiger Phänomenologe, der von funkelnden Einzelheiten zu plötzlichen, innehaltenden Panoramasätzen wechselt, um dann den Leser mit einem aufsässigen "So, das reicht" fallenzulassen. "Und so weiter", endet eine Verführungsgeschichte (und zwar mittendrin), und die Geschichte vom Exil bei Onkel Simon schließt brutal: "Der Hund biß ihn, und dies ist natürlich das Ende der Geschichte." Dabei hat er sich so kompromißlos auf Präzision, also Ehrlichkeit, verpflichtet, daß er die holpernden Differenzierungen, die Wiederholungen und Einschränkungen, kurz Ungelenkigkeiten billigen muß, die diese Mühen ungewollt spiegeln. Sie spiegeln sich auch in der Übersetzung, die die Mischung aus rauher Modernität und getragener Hochsprachlichkeit, logischer Präzision und metaphorischer Kombinationskraft - "faßknarrig", "würdepropfig", "knotterig würdevoll", "zwitscherndlieb" - wortmächtig nachbildet und dennoch, neben manchem unscheinbaren Schnitzer, immer wieder einmal danebengreift, wenn etwa ein sexueller Draufgänger zum "Wüstling" wird, als repräsentierten die fünfziger Jahre das 18. Jahrhundert.

Brodkeys Erzählungen sind hyperexakte Studien über das Geschehen zwischen Menschen, den Hof der Worte und Gesten, den Kampf um Anerkennung, das Machtgespinst des sexuellen Dialogs, den unendlichen, stets sich erneuernden Rest absichtsvoller und unabsichtlicher Mißverständnisse. "Ein bißchen Bumsfallera für das Ehepaar? Einverstanden?" Brodkey seziert und interpretiert die Gefühlsgrammatik solcher Sprechakte, ohne zu verachten oder anzuklagen, und prüft die Intimität mit Maßstäben, die keine Ideologie kennen. Brodkey "versteht" immer - mit allen Konsequenzen, zu denen, entgegen aller Bewunderung für seine chirurgische Nüchternheit, ein systematischer Mangel an Selbstironie und Distanz gehört.

Was seine Erzählweise, die den Rahmen eines Realismus im weitesten Sinn nicht verläßt, so irritierend macht, ist die Resistenz gegen jede Form der Hierarchie, das Prinzip der Egalität in erzählerischer, moralischer - und geschlechtlicher Hinsicht. Deshalb war Brodkey ein genialer Experimentator, ein Meister des Ausschnitts und der Beobachtung

ein Romancier war er nicht.

Darin ist er ein Antipode des an Jahren jüngeren, literarisch konservativeren Updike, der ein Schöpfer von Geschichten ist, ein souveräner Erfinder und - trotz seiner Klugheit, Bitterkeit und Ironie - doch stets ein gelassener, väterlicher Erzähler, ein Mann des Überblicks. Brodkey bleibt in seiner uneleganten, ekstatischen, selbstherrlich-verzweifelten Haltung für immer ein - verlorener - Sohn.

Harold Brodkey: Gast im Universum

Stories

aus dem Amerikanischen von Angela Praesent

Rowohlt Verlag, Reinbek 1998

352 S., 42,- DM