Ungewohnt freimütig gab Ikea-Eigentümer Ingvar Kamprad vergangene Woche Auskunft über sein Leben. Neben ihm saß der Schriftsteller Bertil Torekull, der sein neues Buch vorstellte: eine Geschichte des Möbelkonzerns Ikea. Es ist bereits das dritte derartige Buch, das in diesem Sommer auf den schwedischen Markt kam. Aber nur Torekull konnte mit Kamprad und den Menschen seiner Umgebung sprechen.

Ungewöhnlich freimütig war auch das Eingeständnis, daß Kamprad seit langem mit einem Alkoholproblem zu kämpfen hat. Das begann in den sechziger Jahren auf Geschäftsreisen in Polen. Kamprad demonstrierte, wie man dort ein Schnapsglas kurz nach dem Anstoßen zu plazieren hatte: auf dem Kopf, mit der Öffnung nach unten: "Man war einfach gezwungen auszutrinken." Das wirkte gewohnheitsbildend. Kamprads Arzt empfahl ihm schließlich, dreimal im Jahr trockene Perioden einzulegen. "Jetzt bin ich gerade in einer zehnwöchigen Periode, die am 7. September um 19.00 Uhr endet."

Geschäftlich ließ sich Kamprad nie gern in die Karten schauen. Immerhin enthält Torekulls Buch erstmals Zahlen zum Jahresergebnis: Im vergangenen Rechnungsjahr, das am 31. August 1997 endete, machte die Ikea-Gruppe einen Gewinn nach Steuern von etwa 5,4 Milliarden Kronen (etwa 1,2 Milliarden Mark). Ikea beschäftigt heute etwa 38 000 Menschen und unterhält 140 Möbelhäuser in 29 Ländern, bei weiterhin steigender Tendenz. Im März wurde sogar ein Haus in Shanghai eröffnet.

Die Erfolgsstory begann 1943 im bergigen Småland in Südschweden, wo Kamprad auf einem Bauernhof aufgewachsen war. Dort gründete der Siebzehnjährige eine Firma, die zunächst mit allem möglichen handelte. Den Firmennamen Ikea bildete er aus den Initialen des eigenen Namens sowie der Namen des väterlichen Hofes und des heimatlichen Dorfes: Ingvar Kamprad, Elmtaryd, Agunnaryd. Von 1947 an verteilte er einen Versandkatalog, der bald auch Möbel enthielt.

1953 eröffnete Kamprad in der nahe gelegenen Kleinstadt Älmhult einen Ausstellungsraum für seine Möbel: Die Kunden sollten die Produkte sehen und möglichst gleich abholen können. In seinem "Vermächtnis" schrieb er später über seine grundlegende Philosophie: "Jeder beliebige Architekt kann einen Schreibtisch konstruieren, der fünftausend Kronen kostet. Aber einen funktionellen und gleichzeitig formschönen Schreibtisch zu entwerfen, der nur einhundert Kronen kosten darf, das können nur die besten. Teure Lösungen für alle Arten von Problemen sind in der Regel das Produkt von mittelmäßig begabten Menschen." Bei den Kosten war Kamprad immer konsequent. Seine Manager und er fliegen stets in der Touristenklasse, den Weg vom Flughafen zur Innenstadt legen sie mit dem Bus zurück.

Etablierte Möbelhäuser sorgten in den fünfziger Jahren dafür, daß Ikea nicht auf Messen ausstellen durfte, und setzten Fabrikanten unter Druck, nicht an Kamprad zu liefern. Auf der Suche nach Lieferanten begab sich Kamprad 1961 nach Warschau. Polen wurde für Ikea bald eine zweite Heimat. In wohlverstandenem Eigeninteresse unterstützten die schwedischen Manager die Polen bei der Modernisierung ihrer Möbelindustrie. "Wir exportierten illegal Werkzeuge, Reserveteile und sogar Kohlepapier", erzählt Kamprad, "bei einer Firma in Jonköping bauten wir gebrauchte Maschinen ab und in Polen wieder auf." In gewisser Weise ergänzten sich Kamprad und die polnische Kommando-Ökonomie: Die Polen wollten große Serien liefern, mit langfristiger Abnahmegarantie. Und Kamprads Strategie basierte auf dem Verkauf großer Serien, bei denen er, trotz geringer Margen, wegen der Menge auf stattliche Einnahmen kam.

1964 organisierte die Zeitschrift Allt i Hemmet eine Testserie, bei der Ikea-Möbel und entsprechende Konkurrenzprodukte unter die Lupe genommen wurden. Ergebnis: Kamprads Möbel waren billiger und besser - auch die in Polen hergestellten Stühle, die für 33 Kronen zu haben waren. Das billigste Konkurrenzprodukt kostete 168 Kronen. Von da an war Ikea in Schweden salonfähig.