Zwei Probleme sind es, die dem Historiker bei der Erforschung des Völkermordes an den Juden am meisten zu schaffen machen: die enorme moralische Last, die das Thema in sich birgt, und die verwirrende Quellenlage. Soweit die Akten der Täter nicht vernichtet wurden, bieten sie ein fragmentarisches Bild, das sich erst aus der Komplexität des NS-Staates heraus näher interpretieren läßt. Die im Übermaß vorhandenen Aussagen der Nachkriegszeit erweisen sich hingegen für die Erforschung der Tätergeschichte oftmals als trübe Quelle.

In dieses Dickicht von Kompetenzfragen und Aktenüberlieferungen schlägt seit über zwanzig Jahren Christopher R. Browning Schneisen. Auf vielen Sektoren der Geschichte der NS-Judenmörder hat er fast immer die Bahn für neue Perspektiven, für weitere Forschungen gebrochen, am bekanntesten sicherlich mit seiner Studie zu den "Ganz normalen Männern" des Reservepolizeibataillons 101. Weit weniger sind in der deutschen Öffentlichkeit seine anderen größeren und kleineren Pionierarbeiten wahrgenommen worden. Zu nennen sind Abhandlungen zur Ermordung der jüdischen Männer in Serbien durch die Wehrmacht, zur Entwicklung des Mordinstruments "Gaswagen", vor allem aber seine brillante Dissertation zur Rolle des Auswärtigen Amtes bei der "Endlösung" bis 1943.

Eine Auswahl von Aufsätzen des amerikanischen Historikers liegt nun auf deutsch vor. Alle im Band versammelten Beiträge kreisen um eine Frage: Wie entwickelte sich der Prozeß zum Massenmord von der NS-Spitze über die Funktionäre in den Verwaltungen bis hin zu den Männern am Ende der Befehlskette? Dabei wendet er sich vor allem dem Schwerpunkt Polen zu, einem Besatzungsgebiet, das von der westlichen Forschung lange Zeit vernachlässigt worden ist. Dort war - vom Kriegsausbruch 1939 bis zum Sommer 1941 - die Inkubationsphase des Massenmords sie wurde vor allem durch gigantische Umsiedlungsprojekte und die brutale Unterdrückung der Juden in den Städten bestimmt.

Als einer der ersten deutete Christopher Browning den Zusammenhang zwischen der "Verschiebung" von Deutschstämmigen aus ganz Osteuropa nach Westpolen mit anderen Umsiedlungen an, die man schließlich auf Kosten der Juden betrieb.

Die Initiative ging weniger von der SS aus als vielmehr von den Regionalverwaltungen, deren Rolle nach dem Krieg weitgehend verkannt wurde.

An zwei herausragenden Sonderfällen, Lodz und Warschau, zeigt Browning das mörderische Potential der Ghettobildungen auf. Allerdings kann man die Entwicklungen nicht unbedingt auf ganz Polen verallgemeinern. In vielen Fällen wurden Ghettos erst 1942, unmittelbar vor den Deportationen, gebildet.

Dennoch war in der Bürokratie - nicht nur in Osteuropa - seit 1940/41 die mentale Bereitschaft vorhanden, immer mehr Juden dem Tod preiszugeben, ja eine "Endlösung" zu begrüßen.