Im Naturschutz verdient die Bonner Regierung so schlechte Noten wie in keiner anderen Disziplin ihrer Umweltpolitik. Zwar beteuert Bundeskanzler Helmut Kohl seit Jahren, daß er "die Schöpfung bewahren" möchte. Tatsächlich aber ist die Politik seines Kabinetts "weit entfernt" davon, eine umweltgerechte Nutzung von Natur und Landschaft durchzusetzen. Dies bescheinigte Kohl der Sachverständigenrat für Umweltfragen, ein von der Regierung selbst berufenes Expertengremium.

Nun, kurz vor der Bundestagswahl, droht in dem Trauerspiel ein neues Kapitel, und es geht, wie könnte es anders sein, ums Geld. Die unter der Obhut von Bundesfinanzminister Theo Waigel stehende Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG), Nachfolgerin der Treuhandanstalt, verscherbele ökologisch wertvolle Flächen in Ostdeutschland an Privatpersonen, die sich um den Erhalt seltener Pflanzen und Tiere nicht scheren. Das jedenfalls ist das Lamento des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu). Die Umweltfreunde streiten deshalb dafür, die sensiblen Flächen in staatlichem Besitz zu lassen. Da aber Naturschutz Sache der Bundesländer ist, ginge das nur, wenn Waigels Anstalt die Flächen den ostdeutschen Ländern überlassen würde. In deren Kassen aber herrscht Ebbe, weshalb Waigel im Namen des Naturschutzes auf Einnahmen verzichten müßte.

Tatsächlich steht in Ostdeutschland viel auf dem Spiel. Denn obwohl Weltmeister in Sachen Umweltverschmutzung, fehlten im realen Sozialismus der DDR die Mittel, um der Zivilisation flächendeckend zum Durchbruch zu verhelfen. Im Westen rar gewordene Arten wie Seeadler, Kraniche, Biber oder Orchideen fanden deshalb östlich der Elbe ihre Nischen. Michael Succow, Vize-Umweltminister der letzten DDR-Regierung, konnte sogar kurz vor der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 noch dafür sorgen, daß deren Lebensraum teils unter strengen Schutz gestellt wurde. Der Biologe, der heute an der Greifswalder Universität forscht und lehrt, wurde unter anderem dafür mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Doch bereits vor einem Jahr witterten Naturfreunde den Ausverkauf dessen, was der frühere Umweltminister Klaus Töpfer einst als "Tafelsilber der deutschen Einheit" bezeichnet hatte. Es wurde nämlich ruchbar, daß die BVVG geschützte Flächen veräußert, was den Zorn von Michael Succow hervorrief, der gleichzeitig stellvertretender Nabu-Vorsitzender ist. Im Müritz-Nationalpark beispielsweise wechselten der Forst Klockow und der Forst Ankershagen den Eigentümer.

Den Widerspruch zwischen Naturschutz und privater Nutzung, so schien es, sah auch Kanzler Kohl ein. Nach einer Unterredung mit Wolfgang Engelhardt, dem Präsidenten des Deutschen Naturschutzringes (DNR), sicherte er im Februar "Zurückhaltung bei Verkäufen von Naturschutzflächen an Privatpersonen" zu.

Bei den Ökologen war die Freude über das Kanzlerwort groß. Doch heute herrscht wieder Katzenjammer, weil die BVVG weiter ökologisch sensible Flächen veräußert.

Der zuständige BVVG-Geschäftsführer, Franz Ludwig Graf Stauffenberg, hält sich freilich nur penibel an die Paragraphen. Und die sind nicht nur kompliziert, sondern dem Naturschutz tatsächlich nicht dienlich. Die Flächenerwerbsverordnung vom 20. Dezember 1995 bestimmt nämlich, daß die ehemals volkseigenen Wiesen, Felder und Wälder nur dann nicht zu Vorzugspreisen an Alteigentümer oder langfristige Pächter verkauft werden dürfen, wenn gleichzeitig zwei Bedingungen erfüllt sind: Erstens muß die Fläche geschützt sein, oder es muß förmlich beabsichtigt sein, sie unter Naturschutz zu stellen