So klingt die Resignation eines alten Mannes: "Alles ist unterschrieben, Wiktor Stepanowitsch, alles ist bereit für Sie." Am Montag morgen übergab Präsident Jelzin das Wort und die Regierungsgewalt an den neuen Premier Tschernomyrdin. Fünf Monate nach der krachenden Absetzung des russischen Ministerpräsidenten hat Boris Jelzin ihn wieder ins Amt berufen. Nun grübeln in Moskau die Jelzin-Interpretatoren, welch genialer machiavellistischer Schachzug dies wohl wieder sei. Doch Jelzin sah nach seinem Sommerurlaub nur müde aus.

Statt auf seine innenpolitischen Gegner drosch der alternde Gladiator am vorigen Freitag auf Bill Clinton ein, der ihm noch im Juli mit der Befürwortung eines Milliardenkredits aus der Patsche geholfen hatte. "Ich verurteile diese Aktionen", empörte sich Jelzin über die amerikanischen Militärschläge gegen vermeintliche Terrorzentren in Khartum und Kabul. Über die erbarmungslose Kampagne des Parlaments, einiger Finanzoligarchen und ihrer Medien gegen den 36jährigen Reformerpremier Kirijenko verlor Jelzin kein Wort. Er gab den Mann verloren, der mutig wie kein anderer Politiker den dramatischen Zustand der russischen Wirtschaft offengelegt hatte, um endlich Reformen voranzutreiben.

Jelzin hat der grassierenden Tschernomyrdin-Nostalgie nachgegeben. Nach der Rubelabwertung korrigiert der Präsident nun den politischen Kurs: "Stabilität" heißt das Zauberwort, gemeint ist Selbstbetrug. Tschernomyrdin wird die Sehnsucht nach der verlogenen Mauschelei befriedigen, nach beruhigenden Worten bei frisierter Rechnungsführung. Aus Einfallslosigkeit schafft Jelzin einen Präzedenzfall in der russischen Geschichte: Nie zuvor wurde eine Regierung einfach restauriert.

Tschernomyrdin verwaltete die "Reformen" von Dezember 1992 bis März 1998. Der ehemalige Kommunist und Firmendirektor unterhielt herzliche Beziehungen zu den Finanz- und Industrie-Konglomeraten, suchte Kompromisse mit der Duma, führte Kabinette von Reformgegnern im Namen der Reform. Er regierte, als Rußland in den Europarat eintrat und als es Krieg gegen Tschetschenien führte, er führte das Land durch die Hyperinflation und in die Währungsstabilisierung. "Das wird schon alles", pflegte er zu sagen. "Weiter so!"

Zuerst wurde der Rubel abgewertet, nun der Präsident Die Phalanx der Reformgegner hat die Schwäche des Präsidenten erkannt und geht in die Offensive. Kommunisten, Nationalisten und Agrarier verlangen nach einer Koalitionsregierung des "Volksvertrauens". Die von ihnen beherrschten Kammern des Parlaments arbeiten bereits an einem Koalitionsvertrag. Sie fordern, daß der Präsident sich nicht mehr in Regierungsbelange einmische und daß Tschernomyrdin ihre Kader in die Regierung hole. Boris Nemzow, der vor eineinhalb Jahren geräuschvoll in die Regierung der "jungen Reformer" einzog, hat sich schon freiwillig verabschiedet. Kommunistenführer Gennadij Sjuganow deutete den Fall des Rubel politisch exakt: "Unser Präsident wurde vollends abgewertet."

Die Finanzkrise ist zur Staatskrise gewuchert. Nur wenige gewählte Präsidenten Europas konzentrieren so viel Macht in ihrer Hand wie Jelzin. Und nur wenige müssen sich so ohnmächtig fühlen wie der Führer des größten Flächenstaates der Welt. Eine Lösung der Wirtschaftskrise ist nicht in Sicht.

Einem Staat, der keine Löhne zahlt, glauben die Menschen nicht. Die meisten Reden, in denen Jelzin "drastische Maßnahmen" ankündigt, bleiben folgenlos.