Im Kampf für niedrigere Steuerlasten der Unternehmen läßt sich der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) von niemandem übertreffen - und durch nichts und niemanden verunsichern. Gebetsmühlenartig wiederholt der Lobbyistenverband unter Führung seines Präsidenten Hans-Olaf Henkel, die Steuern seien viel zu hoch, sie würden ausländische Unternehmen abschrecken und deutsche Arbeitsplätze ins Ausland vertreiben. Jeder, der an dieser Negativ-Propaganda für den Wirtschaftsstandort Deutschland zu zweifeln wagt, wird der Irreführung gescholten.

Daß nun ausgerechnet der getreue Mitstreiter, der Deutsche Industrie- und Handelstag, Sand in die Gebetsmühle gestreut und Deutschland gar zu einer Steueroase hochstilisiert hat, muß die BDI-Spitze tief getroffen haben.

Prompt wurde eine Gegendarstellung fällig - siehe oben.

Dabei hatte der Spitzenverband der Industrie- und Handelskammern nur bekanntgegeben, was nicht zu leugnen ist und die Kundigen ohnehin seit langem wissen: Viele Firmen zahlen dank hoher Verluste in früheren Jahren, die sie vor dem Fiskus gegen die heutigen Gewinne aufrechnen, kaum noch Steuern. Wenn der BDI-Präsident dieses nicht weiß, sollte er sich bei seinem Kollegen Jürgen Schrempp von Daimler-Benz erkundigen, der in der Bilanz seines vor Kraft strotzenden Konzerns einen Fehlbetrag von zehn Milliarden Mark vor sich her schiebt und deshalb auf Jahre steuerbefreit agiert.

Die Wirtschaft hat diese Verluste durchaus nicht immer im normalen Geschäft erlitten. Vielfach führt nur das extensive Ausschöpfen von Abschreibungsmöglichkeiten aller Art dazu, daß die Unternehmen dem Finanzamt ein Minus vorrechnen können.

Welche Geldströme durch die - völlig legalen - Schlupflöcher an den Finanzbeamten vorbeigeschleust werden, belegen schon wenige Beispiele: So könnte der Satz für die Körperschaftsteuer, die Kapitalgesellschaften auf ihre Gewinne zahlen müssen, drastisch gesenkt werden, wenn allein die Abschreibungen für Betriebsgebäude so erhöht würden, daß sie dem jährlichen Wertverlust durch Abnutzung entsprechen. Und daß die neue Holding des neuen Daimler-Chrysler-Konzerns in Stuttgart und nicht in Detroit angesiedelt wird, ist ebenfalls steuerlich bedingt: Sonst müßte die Deutsche Bank als größter Daimler-Aktionär die Differenz zwischen dem Buchwert der Aktien und dem tatsächlichen heutigen Börsenkurs versteuern - einen zweistelligen Milliardenbetrag.

Die Verteidiger der Vergünstigungen argumentieren gern, daß die Steuer nur gestundet, aber nicht endgültig gestrichen wird. Der Einwand ist nicht stichhaltig. Denn durch immer neue Abschreibungen kann ein Unternehmen die Zahlung an die Finanzkasse auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben.